Liebewohl

Berühmte Liebespaare: Jorinde und Joringel - Deutungen

Das Liebespaar wird mit Turteltauben verglichen (Redensart: verliebt wie die Turteltauben): Als Jorinde weint und klagt, singt eine Turteltaube kläglich auf den alten Maibuchen. Als Jorinde verwandelt wird, singt sie vom "Vöglein mit dem Ringlein rot" (Turteltauben haben einen roten Ring um ihre runden Augen). Die Taube ist bis heute Symbol für Friede, Reinheit und Unschuld. Die Turteltaube ist besonders schön, und sie hat einen hellen Bauch (ein reines Herz). Mit der Maibuche kann nur die gewöhnliche Rotbuche gemeint sein, ein Baum mit glatter Rinde und feinen, glatten (wachshaltigen) Blättern, wobei sich sog. Sommerblätter und Winterblätter deutlich unterscheiden. Sie ist nach westfälischer Folklore Fruchtbarkeitssymbol. Auch die Nachtigall, in die Jorinde verwandelt wird, wird mit Liebe in Verbindung gebracht. Ihr nächtlicher Gesang verleiht dem aber eine sinnliche oder melancholische Färbung.

Die rote Blume stellt die Liebe und Treue dar, die Joringel beweist, als er statt einer anderen Frau in der Fremde Schafe hütet. Eine Blume ist lebendig und schön, die Perle oder der Tautropfen sind Zeichen der Unberührtheit, einer Träne ähnlich, und Rot ist die Farbe für Liebe oder Blut. Man kann die Blumensymbolik auch ausweiten auf eine schöne Frau oder überhaupt auf den Menschen. Joringels Blume entspricht Jorindes "Ringlein rot", beide sind rund mit etwas glänzendem in der Mitte. Sie stehen für den Ring am Fuß gezähmter Vögel oder den Ehering. In anderen Märchen legt oft der Mann der Frau zur Erkennung einen Ring in den Weinkelch.

Führt man die sexuelle Deutung von Ring und Blume mit Tautropfen fort, so personifiziert die Zauberin in ihrer lähmenden, aber auch behütenden Wirkung die Angst beider junger Menschen vor der Initiation. Ihre Beschreibung mit großen roten Augen und krummer Nase ähnelt der Eule, in die sie sich verwandelt. Der Ruf "Schu – hu – hu – hu" und die glühenden Augen passen am besten zu einer Waldohreule, wie die Katze ein nachtaktives Raubtier. Beide wurden, ganz im Gegensatz zu Tauben, mit Hexen assoziiert. Auch der Mond, von dem die Hexe spricht, steht im Gegensatz zum Sonnenschein, in dem das Liebespaar spazieren geht.

Die Hexe nutzt aus, dass sie ihre Opfer anzieht, sie lähmt sie, und sie speit Gift. Ihr Neid auf junge Frauen oder ihre Angst vor Sexualität stehen in Zusammenhang mit dem Wunsch nach Unsterblichkeit oder Angst vor dem Tod. Das sagt u.a. der Satz aus dem Text: Sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen. Die Hexe ähnelt damit einer Schlange, deren Gift auch lähmend wirkt und die wegen ihrer Häutungen (Verwandlungen) als unsterblich verehrt wurde. Durch ihren Körperbau und zwiespältige Bedeutung im Alten Testament und in gnostizistischem Gedankengut ist sie wichtiges Symbol der Dualität bzw. deren Überwindung.

Die Bilder dieses Märchens vereinen Gespaltenheit mit Geschlossenheit. Das gilt für den Mond mit seiner zu- und abnehmenden Hälfte. Die Eule, obgleich bedrohlich, gilt als scharfsichtig und weise. Die eigenwillige, elegante Katze ist als Haustier beliebt. In Jorindes Lied verrät die Formulierung "Mein Vöglein" die Identität der jungen Frau mit der Hexe. Umgekehrt beweist die alte Frau Gnade, als sie Joringel losbindet "wenn's Möndel ins Körbel scheint", was bildlich der Perle im Blütenkelch und sprachlich der Verkleinerungsform "mein Vöglein mit dem Ringlein rot" entspricht. Bannkreise, als Schadenszauber oder zur Heilung, ähneln einem Binden mit magischem Seil. Im Märchentyp Jungfrau im Turm (Rapunzel) erfolgt die Befreiung in einem Korb an einem Seil. So erscheint die Entwicklung von Jorinde (wie Rinde) und Joringel (wie sich ringeln) als Allegorie von Abgrenzung und Einheit.

Die Geliebte als Vogel im Käfig ist ein altes Literaturmotiv, das schon auf schamanistische Vorstellungen zurückgeht. Hier sind es Körbe, was auf den Faden der griechischen Schicksalsgöttin Lachesis oder aber auch auf Bienenkörbe anspielen kann. Die antiken Mysterienkulte, die vielen literarischen Texten als geheimer Subtext zugrunde gelegen haben sollen, arbeiteten auch mit dem Wechsel von Nacht und Tageslicht. Im Mithraskult gehörten Schlange, Bienenpuppe, Taube und Licht mit der Liebesgöttin Venus zum zweiten Weihegrad Nymphus, dagegen Hirte, Eule, Nachtigall und Dämmerung mit dem Mond zum fünften Grad Perses. Laut der Anthroposophin Friedel Lenz wurde bei den Eleusinischen Mysterien eine Opfergabe in einem Korb dargebracht, wobei der Mond in den Korb scheinen musste. Sie vermutet, dass in Zachiel der Erzengel Zachariel anklingt, also eine eigentlich gute, aber hier verstümmelte Göttlichkeit. Zachariel (Zadkiel) kommt in apokryphen Schriften vor. Gefallene Engel gibt es sowohl im Alten Testament als auch im Gnostizismus.

In der Alchemie erfolgte die Veredelung des Menschen über eine schwarze Phase (Sterben), gefolgt von einer weißen (Reinheit) und einer roten (Morgenröte). Letztere sind auch das Weibliche und das Männliche, die sich dann vereinen. In Spagyrik und Homöopathie wird die rote Tigerlilie bei Frauenleiden und Herzbeschwerden mit dem Gefühl berstend voller Blutgefäße verwendet. Die Anthroposophie sieht den Menschen als umgedrehte Pflanze.

Psychoanalytisch gedeutet ist das Schloss der Zauberin ihr Körper, dem man nicht zu nahe kommen darf. Nach der analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs steht die böse Hexe in vielen Mythen für den Archetypus des Schattens oder der nefasten Mutter, aus deren Fängen der Held die Anima befreien muss. In der modernen Psychologie werden Identitätsstörungen mit extremem Schwarz-Weiß-Denken mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung in Verbindung gebracht. Der Psychotherapeut Rudolf Müller interpretiert das Märchen als Konflikt einer symbiontischen Beziehung zwischen unfertigen Persönlichkeiten, deren innere Abhängigkeit erst durch eine Phase äußerer Trennung und Depression überwunden wird.


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