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Berühmte Liebespaare: Die Prinzessin und der Froschkönig - Deutungen

Allgemeine Deutungen

Der Märchenphilologe Lutz Röhrich beobachtet, dass Psychologen gerade auch dieses Märchen als Reifungsvorgang deuten.

Die goldene Kugel stellt eine Beziehung her, bringt die Geschehnisse 'ins Rollen', das Mädchen will sich jedoch noch nicht verschenken, es ist die verlorene, goldene Welt der Kindheit.

Im Kinder- oder Gesellschaftsspiel kann das Ballzuwerfen Liebe bedeuten. Der tiefe Brunnen wird als Eingang zum Uterus oder zum Unbewussten gedeutet, der Frosch als Phallus.

Deutlich habe das Märchen etwas mit Sexualität und den durch radikale Veränderung ausgelösten Angstgefühlen zu tun.


Nach Hedwig von Beit kann die Prinzessin entweder als Seelenbild aufgefasst werden, dessen herrschendes Bewusstsein der König ist, oder als selbständige Persönlichkeit.

Die goldene Kugel ist der bewusstseinsferne Teil des Selbst und knüpft die Beziehung zu urtümlich animalischem Leben. Sie war im Altertum sowohl Bild der Einzel- als auch der Weltseele (Sphaira) und Spielzeug des Erosknaben. Der (Seelen)Verlust im Brunnen korrespondiert mit dem Erlösungswunsch des Frosches. Er ist mythologisch oft kein harmloses Wesen, Erscheinungsform der armen Seele, teuflisch, doch auch vor Unglück schützend, sein Quaken ist das Schreien der ungeborenen Kinder.

Auch der Vater als erste Animus–Erfahrung der Heldin mahnt sie zur Vertiefung des bisher spielerischen, nur-weiblichen Umgangs mit dem Unbewussten.

Das An-die-Wand-Werfen ist schwer zu deuten, eventuell als Projektion oder als Fixierung. Es ist in Varianten durch Kuss, Verbrennen der Tierhaut oder Köpfen ersetzt.

Der Diener ist in Märchen fast immer der Schatten oder Doppelgänger des Helden, der hier wie der Frosch aus seiner alten Haut bricht.


Friedel Lenz sieht eine Vereinigung des Ich mit der Seele, auf die es zunächst abstoßend wirken muss.

Nach Ortrud Stumpfe muss die Prinzessin das Wirken der Sonnenkräfte aus der sumpfig-dämmrigen Gestalt entziffern.

Wilhelm Salber sieht in Frosch und Prinzessin die Extreme von Banalem und Entwicklung, die erst mühsam durch Wiederbelebung des Vergangenen miteinander in Austausch kommen.

Sexuelle Initiation

Der Froschkönig kann (auch) als Geschichte sexueller Initiation eines jungen Mädchens gelesen werden.

Der Brunnen steht für das Ziel der Neugier auf die eigene ursprüngliche Welt: eine Art tiefsinnige Selbstbeschaulichkeit ins eigene unschuldige Unbekannte, da die Prinzessin sexuell noch unerfahren ist. Dieses Erkennen fängt zunächst als argloses Spiel mit der goldenen Kugel am Brunnen an und erfährt eine plötzliche Wendung in Richtung beängstigendender männlicher Triebe im Auftauchen des zunächst als eklig und nur wenig anziehend empfundenen Frosches.

Die goldene Kugel steht für strahlende weibliche geballte Anziehungskraft.

Der Frosch steht nicht nur für die männliche Pubertät, die Jungen in diesem Alter als noch wenig attraktiv für gleichaltrige Mädchen erscheinen lässt, sondern auch allgemein für die zunächst als forsch und quälend (quakend) auftretende, zudringliche, unheimliche und befremdliche empfundene männliche Sexualität.

Erst als das Mädchen im Anschluss an das erste Brunnenerlebnis durch ihre Abwehr des Ekels (durch das Zerschmettern des ungebetenen eindringlichen Gastes an der Wand), also durch die Wendung der Beziehung in Richtung Seelenverwandtschaft zu einer jungen (aggressiv aktiven, die Forschheit abwehrenden) Frau heranreift, kann sie die Angst vor dem anderen Geschlecht überwinden. Der Frosch entpuppt sich als Prinz, dem das Mädchen erliegt und damit zur erwachsenen Frau wird.

Das Märchen stellt durch die grüne Farbe des Froschs auch das Prinzip der ersten sprunghaft initiierenden Öffnung, aber auch der allgemeinenen Hoffnung dar: die Erlösung vom singulär tierischen, naiv unschuldigen Zustand zum erwachend wachen Wachstum - der kleine Frosch wird zum großen Prinzen.

Bedeutung des Wortes "Fretsche"

Der im Originaltext des Märchens am Ende stehende Ausspruch des Eisernen Heinrichs "… als ihr in dem Brunnen saßt, als ihr eine Fretsche wast" veranlasste zu weiteren Deutungen:

Eine Deutung des Wortes "Fretsche" knüpft an die hessische Aussprache von Frettchen an, da die Brüder Grimm die mündlichen Märchenerzählungen in Hessen gesammelt hatten. Das Wort Frettchen könnte für frech und flink stehen, was dem Verhalten des frechen und der Prinzessin nacheilenden (nachstellenden) Frosches entspräche. Die lautmalerische Ähnlichkeit zwischen "Fretsche" und Frosch könnte insoweit ein doppeldeutiges Wortspiel sein.

Dass dem seinem Prinzen treu ergebenen Eisernen Heinrich eiserne Bande vom Herzen fallen, nachdem die Umtriebigkeit des Prinzen mit der Vermählung endet, könnte als Freude über die nun eingekehrte Berechenbarkeit des Prinzen gemeint sein, wobei "Prinz" für "staatliche Obrigkeit" stehen mag.

Eine andere Deutung des Wortes "Fretsche", und damit des Sinngehalts des Märchens, wird über eine vermeintliche etymologische Wortverwandtschaft mit dem englischen Wort "wretch" herzuleiten versucht, das wiederum eine Verbindung zum althochdeutschen Wort "Recke" aufweise (siehe Chambers, Dictionary of Etymology C 1988: "wretch n. very unfortunate person. Probably before 1200 wrecche, in The Ormulum; developed from Old English wrecca wretch, stranger, exile ...; related to wrecan to drive out, punish ... Old English wrecca is cognate with Old Saxon wrekkio exile, and Old High German reccho, reckio (modern German Recke warrior, hero), from Proto-Germanic *wrakjon from Indo-European *wrog- …").

Daraus wird geschlossen, der Froschkönig (Froschprinz) sei als ein ins Ausland vertriebener Recke zu sehen, dessen Schicksal hier märchenhaft umschrieben werde.

Entzauberung und ihre Entsprechung in der Psychoanalyse

Ein weiterer Aspekt ergibt sich aus der Deutung aus psychoanalytischer Sicht:

 In dem Märchen wird mit dem Wurf an die Wand bzw. vor allem mit dem Ausspruch des den handelnden Personen (un)bekannten Wortes "Fretsche" eine Entzauberung des zuvor verhexten Königsohns herbeigeführt bzw. abgeschlossen. Die Entzauberung findet durch Freisetzen bzw. Bekanntwerden von ablehnenden Emotionen statt. Entzauberungen finden sich in vielen Märchen, beispielsweise in dem Märchen Rumpelstilzchen.

In dem Augenblick, in dem dessen wahrer Name ausgesprochen wird, ist der Zauber gebrochen bzw. gebannt. Eine Parallele besteht insoweit in der Psychoanalyse: Erst mit dem Bewusstwerden und Aufdecken von Ängsten und Verdrängungen ist der (negative) Zauber gebrochen, kann der Heilungsprozess beginnen.

Interpretation von Carl Gustav Jung

Einer Interpretation von Carl Gustav Jung folgend handelt die Geschichte von einer Initiation der Psyche einer jungen Frau. Der Analyse Jungs folglich sind Märchen eine reiche Quelle für Archetypen und können wie Träume analysiert werden. Der Ego-Charakter in dieser Geschichte ist die Prinzessin.

Als Jungfrau sieht sie ihre männlichen Mitmenschen noch wie fremdartige Tiere, genauer wie Frösche. Der goldene Ball steht für ihr bewusstes Selbst, das im Brunnen im Wald verloren ging. Sowohl der Brunnen als auch der Wald stehen für ihre Unbewusstheit.

Während des Prozesses der Selbstsuche trifft sie einen Frosch, eigentlich: einen Mann. Der Frosch hilft ihr und will aus ihrem Becher trinken und von ihrem Teller essen, was für das Verlangen, sie zu küssen steht. Mit ihr in einem Bett schlafen zu wollen steht für die Intimität zwischen Mann und Frau.

Als die jungfräuliche Prinzessin den Frosch gewaltsam an die Wand wirft, wird sie sich plötzlich über die männlichen Züge in ihrem eigenen Unbewussten klar: sie wird von der passiv erduldenden zur aktiv handelnden Person. Nach dieser plötzlichen Entdeckung wird der Frosch zum realistischen Bild eines Mannes oder in diesem Falle zu einem Prinzen mit wunderschönen Augen. Die Prinzessin ist nun eine erwachsene Frau, die fähig ist zu heiraten.


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