Liebewohl

Berühmte Liebespaare: Romeo und Julia

Dritter Aufzug

Erste Scene.

Ein öffentlicher Platz. (Mercutio, Benvolio, Page und Bediente.)


Benvolio. Ich bitt’ dich, Freund, laß uns nach Hause gehn!
Der Tag ist heiß, die Capulets sind draußen,
Und treffen wir, so gibt es sicher Zank:
Denn bei der Hitze tobt das tolle Blut.

Mercutio. Du bist mir so ein Zeisig, der, sobald er die Schwelle eines Wirtshauses betritt, mit dem Degen auf den Tisch schlägt und ausruft: Gebe Gott, daß ich dich nicht nötig habe! Und wenn ihm das zweite Glas im Kopfe spukt, so zieht er gegen den Kellner, wo er es freilich nicht nötig hätte.

Benvolio. Bin ich so ein Zeisig?

Mercutio. Ja, ja! Du bist in deinem Zorn ein so hitziger Bursch, als einer in ganz Italien; ebenso ungestüm in deinem Zorn, und ebenso zornig in deinem Ungestüm.

Benvolio. Nun, was weiter?

Mercutio. Ei, wenn es euer zwei gäbe, so hätten wir bald gar keinen, sie brächten sich unter einander um. Du! Wahrhaftig, du zankst mit einem, weil er ein Haar mehr oder weniger im Barte hat wie du. Du zankst mit einem, der Nüsse knackt, aus keinem andern Grunde, als weil du nußbraune Augen hast. Dein Kopf ist so voll Zänkereien, wie ein Ei voll Dotter, und doch ist dir der Kopf für dein Zanken schon dotterweich geschlagen. Du hast mit einem angebunden, der auf der Straße hustete, weil er deinen Hund aufgeweckt, der in der Sonne schlief. Hast du nicht mit einem Schneider Händel gehabt, weil er sein neues Wamms vor Ostern trug? Mit einem andern, weil er neue Schuhe mit einem alten Bande zuschnürte? Und doch willst du mich über Zänkereien hofmeistern!

Benvolio. Ja, wenn ich so leicht zankte wie du, so würde niemand eine Leibrente auf meinen Kopf nur für anderthalb Stunden kaufen wollen.

Mercutio. Auf deinen Kopf? O Tropf!

(Tybalt und andre kommen.)

Benvolio. Bei meinem Kopf! Da kommen die Capulets.

Mercutio. Bei meiner Sohle! Mich kümmert’s nicht.

Tybalt. (zu seinen Leuten).

Schließt euch mir an, ich will mit ihnen reden. –
Guten Tag, ihr Herrn! Ein Wort mit euer einem!

Mercutio. Nur ein Wort mit einem von uns? Gebt noch was zu: laßt es ein Wort und einen Schlag sein.

Tybalt. Dazu werdet ihr mich bereit genug finden, wenn ihr mir Anlaß gebt.

Mercutio. Könntet ihr ihn nicht nehmen, ohne daß wir ihn gäben?

Tybalt. Mercutio, du harmonirst mit Romeo.

Mercutio. Harmonirst? Was? Machst du uns zu Musikanten? Wenn du uns zu Musikanten machen willst, so sollst du auch nichts als Dissonanzen zu hören kriegen. Hier ist mein Fiedelbogen: wart! der soll euch tanzen lehren! Alle Wetter! Ueber das Harmoniren!

Benvolio. Wir reden hier auf öffentlichem Markt.
Entweder sucht euch einen stillern Ort,
Wo nicht, besprecht euch kühl von eurem Zwist.
Sonst geht! Hier gafft ein jedes Aug’ auf uns.

Mercutio. Zum Gaffen hat das Volk die Augen: laßt sie!
Ich weich’ und wank’ um keineswillen, ich!

(Romeo tritt auf.)

Tybalt. Herr, zieht in Frieden! Hier kömmt mein Gesell.

Mercutio. Ich will gehängt sein, Herr! wenn ihr sein Meister seid.
Doch stellt euch nur, er wird sich zu euch halten;
In dem Sinn mögen Eure Gnaden wohl
Gesell ihn nennen.

Tybalt. Hör’, Romeo! Der Haß, den ich dir schwur,
Gönnt diesen Gruß dir nur: Du bist ein Schurke!

Romeo. Tybalt, die Ursach’, die ich habe, dich
Zu lieben, mildert sehr die Wut, die sonst
Auf diesen Gruß sich ziemt’. Ich bin kein Schurke,
Drum lebe wohl! Ich seh’, du kennst mich nicht.

Mercutio. O zahme, schimpfliche, verhaßte Demut!
Die Kunst des Raufers trägt den Sieg davon. –

(Er zieht.)

Tybalt, du Ratzenfänger! willst du dran?

Tybalt. Was willst du denn von mir?

Mercutio. Wollt ihr bald euren Degen bei den Ohren aus der Scheide ziehn? Macht zu, sonst habt ihr meinen um die Ohren, eh’ er heraus ist.

Tybalt. Ich steh’ zu Dienst.

(Er zieht.)

Romeo. Lieber Mercutio, steck’ den Degen ein!

Mercutio. Kommt, Herr! Laßt eure Finten sehn!

(Sie fechten.)

Romeo. Zieh, Benvolio!
Schlag zwischen ihre Degen! Schämt euch doch,
Und haltet ein mit Wüten! Tybalt! Mercutio!
Der Prinz verbot ausdrücklich solchen Aufruhr
In Veronas Gassen. Halt, Tybalt! Freund Mercutio!

(Tybalt entfernt sich mit seinen Anhängern.)

Mercutio. Ich bin verwundet. –
Zum Teufel beider Sippschaft! Ich bin hin.
Und ist er fort? und hat nichts abgekriegt?

Benvolio. Bist du verwundet? wie?

Mercutio. Ja, ja! geritzt! geritzt! – Wetter, ’s ist genug. –
Wo ist mein Bursch? – Geh, Schurk! hol einen Wundarzt

(Der Page geht ab.)

Romeo. Sei guten Muts, Freund! Die Wunde kann nicht beträchtlich sein.

Mercutio. Nein, nicht so tief wie ein Brunnen, noch so weit wie eine Kirchthüre; aber es reicht eben hin. Fragt morgen nach mir, und ihr werdet einen stillen Mann an mir finden. Für diese Welt, glaubt’s nur, ist mir der Spaß versalzen. – Hol der Henker eure beiden Häuser! – Was? von einem Hunde, einer Maus, einer Ratze, einer Katze zu Tode gekratzt zu werden! Von so einem Prahler, einem Schuft, der nach dem Rechenbuche ficht! – Warum, Teufel! kamt ihr zwischen uns? Unter eurem Arm wurde ich verwundet.

Romeo. Ich dacht’ es gut zu machen.

Mercutio. O hilf mir in ein Haus hinein, Benvolio,
Sonst sink’ ich hin. – Zum Teufel eure Häuser!
Sie haben Würmerspeis’ aus mir gemacht.
Ich hab’ es tüchtig weg; verdammte Sippschaft!

(Mercutio und Benvolio ab.)

Romeo. Um meinetwillen wurde dieser Ritter,
Dem Prinzen nah’ verwandt, mein eigner Freund,
Verwundet auf den Tod; mein Ruf befleckt
Durch Tybalts Lästerungen, Tybalts, der
Seit einer Stunde mir verschwägert war.
O süße Julia! deine Schönheit hat
So weibisch mich gemacht; sie hat den Stahl
Der Tapferkeit in meiner Brust erweicht.

(Benvolio kommt zurück.)

Benvolio. O Romeo! der wackre Freund ist tot,
Sein edler Geist schwang in die Wolken sich,
Der allzufrüh der Erde Staub verschmäht.

Romeo. Nichts kann den Unstern dieses Tages wenden;
Er hebt das Weh an: andre müssen’s enden.

(Tybalt kommt zurück.)

Benvolio. Da kommt der grimm’ge Tybalt wieder her.

Romeo. Am Leben! siegreich! und mein Freund erschlagen!
Nun flieh’ gen Himmel, schonungsreiche Milde!
Entflammte Wut, sei meine Führerin!
Nun, Tybalt, nimm den Schurken wieder, den du
Mir eben gabst! Der Geist Mercutios
Schwebt nah noch über unsern Häuptern hin,
Und harrt, daß deiner sich ihm zugeselle.
Du oder ich! sonst folgen wir ihm beide.

Tybalt. Elendes Kind! hier hieltest du’s mit ihm,
Und sollst mit ihm von hinnen.

Romeo.                           Dies entscheide.

(Sie fechten, Tybalt fällt.)

Benvolio. Flieh’, Romeo! die Bürger sind in Wehr,
Und Tybalt tot. Steh’ so versteinert nicht!
Flieh’, flieh’, der Prinz verdammt zum Tode dich,
Wenn sie dich greifen. Fort! hinweg mit dir!

Romeo. Weh mir, ich Narr des Glücks!

Benvolio.                           Was weilst du noch?

(Romeo ab.)

(Bürger u. s. w. treten auf.)

Ein Bürger. Wo lief er hin, der den Mercutio totschlug?
Der Mörder Tybalt? – hat ihn wer gesehn?

Benvolio. Da liegt der Tybalt.

Ein Bürger.                           Herr, gleich müßt ihr mit mir gehn.
Gehorcht! Ich mahn’ euch von des Fürsten wegen.

(Der Prinz mit Gefolge, Montague, Capulet, ihre Gemahlinnen und andere.)

Prinz. Wer durfte freventlich hier Streit erregen?

Benvolio. O edler Fürst, ich kann verkünden, recht
Nach seinem Hergang dies unselige Gefecht.
Der deinen wackern Freund Mercutio
Erschlagen, liegt hier tot, entleibt vom Romeo.

Gräfin Capulet. Mein Vetter! Tybalt! Meines Bruders Kind! –
O Fürst! O mein Gemahl! O seht, noch rinnt
Das teure Blut! – Mein Fürst, bei Ehr’ und Huld,
Im Blut der Montagues tilg’ ihre Schuld! –
O Vetter, Vetter!

Prinz. Benvolio, sprich: wer hat den Streit erregt? –

Benvolio. Der tot hier liegt, vom Romeo erlegt.
Viel gute Worte gab ihm Romeo,
Hieß ihn bedenken, wie gering der Anlaß,
Wie sehr zu fürchten euer höchster Zorn.
Dies alles, vorgebracht mit sanftem Ton,
Gelass’nem Blick, bescheidner Stellung, konnte
Nicht Tybalts ungezähmte Wut entwaffnen.
Dem Frieden taub, berennt mit scharfem Stahl
Er die entschloss’ne Brust Mercutios;
Der kehrt, gleich rasch, ihm Spitze gegen Spitze,
Und wehrt mit Kämpfertrotz mit einer Hand
Den kalten Tod ab, schickt ihn mit der andern
Dem Gegner wieder, dess’ Behendigkeit
Zurück ihn schleudert. Romeo ruft laut:
Halt Freunde! auseinander! Und geschwinder
Als seine Zunge schlägt sein rüst’ger Arm,
Dazwischen stürzend, beider Mordstahl nieder.
Recht unter diesem Arm traf des Mercutio Leben
Ein falscher Stoß vom Tybalt. Der entfloh,
Kam aber gleich zum Romeo zurück,
Der eben erst der Rache Raum gegeben.
Nun fallen sie mit Blitzeseil’ sich an;
Denn eh’ ich ziehen konnt’, um sie zu trennen,
War der beherzte Tybalt umgebracht.
Er fiel, und Romeo, bestürzt, entwich.
Ich rede wahr, sonst führt zum Tode mich.

Gräfin Capulet. Er ist verwandt mit Montagues Geschlecht;
Aus Freundschaft spricht er falsch, verletzt das Recht.
Die Fehd’ erhoben sie zu ganzen Horden,
Und alle konnten nur ein Leben morden.
Ich fleh’ um Recht; Fürst, weise mich nicht ab:
Gib Romeo’n, was er dem Tybalt gab.

Prinz. Er hat Mercutio, ihn Romeo erschlagen:
Wer soll die Schuld des teuren Blutes tragen?

Gräfin Montague. Fürst, nicht mein Sohn, der Freund Mercutios;
Was dem Gesetz doch heimfiel, nahm er bloß,
Das Leben Tybalts.

Prinz.                           Weil er das verbrochen,
Sei über ihn sofort der Bann gesprochen.
Mich selber trifft der Ausbruch eurer Wut,
Um euren Zwiespalt fließt mein eignes Blut;
Allein ich will dafür so streng euch büßen,
Daß mein Verlust euch ewig soll verdrießen.
Taub bin ich jeglicher Beschönigung;
Kein Flehn, kein Weinen kauft Begnadigung;
Drum spart sie: Romeo flieh’ schnell von hinnen!
Greift man ihn, soll er nicht dem Tod entrinnen.
Tragt diese Leiche weg. Vernehmt mein Wort!
Wenn Gnade Mörder schont, verübt sie Mord!

(Alle ab.)

Zweite Scene.

Ein Zimmer in Capulets Hause. (Julia tritt auf.)


Julia. Hinab, du flammenhufiges Gespann,
Zu Phöbus Wohnung! Solch ein Wagenlenker,
Wie Phaethon jagt’ euch gen Westen wohl,
Und brächte schnell die wolk’ge Nacht herauf. –
Verbreite deinen dichten Vorhang, Nacht!
Du Liebespflegerin! Damit das Auge
Der Neubegier sich schließ’, und Romeo
Mir unbelauscht in diese Arme schlüpfe. –
Verliebten gnügt zu der geheimen Weihe
Das Licht der eignen Schönheit; oder wenn
Die Liebe blind ist, stimmt sie wohl zur Nacht. –
Komm, ernste Nacht, du züchtig stille Frau,
Ganz angethan mit Schwarz, und lehre mich
Ein Spiel, wo jedes reiner Jugend Blüte
Zum Pfande setzt, gewinnend zu verlieren!
Verhülle mit dem schwarzen Mantel mir
Das wilde Blut, das in den Wangen flattert,
Bis scheue Liebe kühner wird, und nichts
Als Unschuld sieht in inn’ger Liebe Thun.
Komm, Nacht! – Komm, Romeo, du Tag in Nacht!
Denn du wirst ruhn auf Fittigen der Nacht,
Wie frischer Schnee auf eines Raben Rücken. –
Komm, milde, liebevolle Nacht! Komm, gib
Mir meinen Romeo! Und stirbt er einst,
Nimm ihn, zerteil’ in kleine Sterne ihn:
Er wird des Himmels Antlitz so verschönen,
Daß alle Welt sich in die Nacht verliebt,
Und niemand mehr der eitlen Sonne huldigt. –
Ich kaufte einen Sitz der Liebe mir,
Doch ach! besaß ihn nicht; ich bin verkauft,
Doch noch nicht übergeben. Dieser Tag
Währt so verdrießlich lang mir, wie die Nacht
Vor einem Fest dem ungeduld’gen Kinde,
Das noch sein neues Kleid nicht tragen durfte.

(Die Wärterin mit einer Strickleiter.)

Da kommt die Amme ja: die bringt Bericht;
Und jede Zunge, die nur Romeo’n
Beim Namen nennt, spricht so beredt wie Engel.
Nun, Amme? Sag’, was gibt’s, was hast du da?
Die Stricke, die dich Romeo hieß holen?

Wärterin. Ja, ja, die Stricke!

(Sie wirft sie auf die Erde.)

Julia. Weh mir! Was gibt’s? Was ringst du so die Hände?

Wärterin. Daß Gott erbarm’! Er ist tot, er ist tot, er ist tot!
Wir sind verloren, Fräulein, sind verloren!
O weh uns! Er ist hin! ermordet! tot!

Julia. So neidisch kann der Himmel sein?

Wärterin. Ja, das kann Romeo; der Himmel nicht.
O Romeo, wer hätt’ es je gedacht!
O Romeo! Romeo!

Julia. Wer bist du, Teufel, der du so mich folterst?
Die grause Hölle nur brüllt solche Qual.
Hat Romeo sich selbst ermordet? Sprich!
Ist er entleibt: sag’ ja! wo nicht: sag’ nein!
Ein kurzer Laut entscheidet Wonn’ und Pein.

Wärterin. Ich sah die Wunde, meine Augen sahn sie –
Gott helf’ ihm! – hier auf seiner tapfern Brust;
Die blut’ge Leiche, jämmerlich und blutig,
Bleich, bleich wie Asche, ganz mit Blut besudelt –
Ganz starres Blut – weg schwiemt’ ich, da ich’s sah.

Julia. O brich, mein Herz! verarmt auf einmal, brich!
Ihr Augen, ins Gefängnis! Blicket nie
Zur Freiheit wieder auf! Elende Erde, kehre
Zur Erde wieder! Pulsschlag, hemme dich!
Ein Sarg empfange Romeo und mich!

Wärterin. O Tybalt, Tybalt! O mein bester Freund!
Leutsel’ger Tybalt, wohlgesinnter Herr!
So mußt’ ich leben, um dich tot zu sehn?

Julia. Was für ein Sturm tobt so von jeder Seite?
Ist Romeo erschlagen? Tybalt tot?
Mein teurer Vetter? Teuerster Gemahl? –
Dann töne nur des Weltgerichts Posaune!
Wer lebt noch, wenn dahin die beiden sind?

Wärterin. Dahin ist Tybalt, Romeo verbannt;
Verbannt ist Romeo, der ihn erschlug.

Julia. Gott! seine Hand, vergoß sie Tybalts Blut?

Wärterin. Sie that’s, sie that’s! O weh uns, weh! Sie that’s.

Julia. O Schlangenherz, von Blumen überdeckt!
Wohnt’ in so schöner Höhl’ ein Drache je?
Holdsel’ger Wütrich! engelgleicher Unhold!
Ergrimmte Taube! Lamm mit Wolfesgier!
Verworfne Art in göttlicher Gestalt!
Das rechte Gegenteil dess’, was mit Recht
Du scheinest: ein verdammter Heiliger!
Ein ehrenwerter Schurke! – O Natur!
Was hattest du zu schaffen in der Hölle,
Als du des holden Leibes Paradies
Zum Lustsitz einem Teufel übergabst?
War je ein Buch, so arger Dinge voll,
So schön gebunden? O, daß Falschheit doch
Solch herrlichen Palast bewohnen kann!

Wärterin. Kein Glaube, keine Treu’, noch Redlichkeit
Ist unter Männern mehr. Sie sind meineidig,
Falsch sind sie, lauter Schelme, lauter Heuchler! –
Wo ist mein Diener! Gebt mir Aquavit! –
Die Not, die Angst, der Jammer macht mich alt,
Zu Schanden werde Romeo!

Julia.                           Die Zunge
Erkranke dir für einen solchen Wunsch!
Er war zur Schande nicht geboren; Schande
Weilt mit Beschämung nur auf seiner Stirn.
Sie ist ein Thron, wo man die Ehre mag
Als Allbeherrscherin der Erde krönen,
O wie unmenschlich war ich, ihn zu schelten!

Wärterin. Von eures Vetters Mörder sprecht ihr Gutes?

Julia. Soll ich von meinem Gatten Uebles reden?
Ach, armer Gatte! Welche Zunge wird
Wohl deinem Namen liebes thun, wenn ich,
Dein Weib von wenig Stunden, ihn zerrissen?
Doch, Arger, was erschlugst du meinen Vetter? –
Der Arge wollte den Gemahl erschlagen.
Zurück zu eurem Quell, verkehrte Thränen!
Dem Schmerz gebühret eurer Tropfen Zoll,
Ihr bringt aus Irrtum ihn der Freude dar.
Mein Gatte lebt, den Tybalt fast getötet,
Und tot ist Tybalt, der ihn töten wollte.
Dies alles ist ja Trost: was wein’ ich denn?
Ich hört’ ein schlimmres Wort als Tybalts Tod,
Das mich erwürgte; ich vergäß’ es gern;
Doch ach! es drückt auf mein Gedächtnis schwer,
Wie Frevelthaten auf des Sünders Seele.
Tybalt ist tot und Romeo verbannt!
O dies verbannt, dies eine Wort verbannt
Erschlug zehntausend Tybalts. Tybalts Tod
War gnug des Wehes, hätt’ es da geendet!
Und liebt das Leid Gefährten, reiht durchaus
An andre Leiden sich; warum denn folgte
Auf ihre Botschaft: tot ist Tybalt, nicht:
Dein Vater, deine Mutter, oder beide?
Das hätte sanftre Klage wohl erregt.
Allein dies Wort: verbannt ist Romeo,
Aus jenes Todes Hinterhalt gesprochen,
Bringt Vater, Mutter, Tybalt, Romeo
Und Julien um! Verbannt ist Romeo!
Nicht Maß noch Ziel kennt dieses Wortes Tod,
Und keine Zung’ erschöpfet meine Not. –
Wo mag mein Vater, meine Mutter sein?

Wärterin. Bei Tybalts Leiche heulen sie und schrein.
Wollt ihr zu ihnen gehn? Ich bring’ euch hin.

Julia. So waschen sie die Wunden ihm mit Thränen?
Ich spare meine für ein bängres Sehnen.
Nimm diese Seile auf. – Ach, armer Strick,
Getäuscht wie ich! wer bringt ihn uns zurück?
Zum Steg der Liebe knüpft’ er deine Bande,
Ich aber sterb’ als Braut im Witwenstande.
Komm, Amme, komm! Ich will ins Brautbett! fort!
Nicht Romeo, den Tod umarm’ ich dort.

Wärterin. Geht nur ins Schlafgemach! Zum Troste find’ ich
Euch Romeo’n: ich weiß wohl, wo er steckt.
Hört! Romeo soll euch zur Nacht erfreuen;
Ich geh’ zu ihm: beim Pater wartet er.

Julia. O such’ ihn auf! Gib diesen Ring dem Treuen;
Bescheid’ aufs letzte Lebewohl ihn her.

(Beide ab.)

Dritte Scene.

Bruder Lorenzos Zelle. (Lorenzo und Romeo kommen.)


Lorenzo. Komm, Romeo! hervor, du Mann der Furcht!
Bekümmernis hängt sich mit Lieb’ an dich,
Und mit dem Mißgeschick bist du vermählt.

Romeo. Vater, was gibt’s? Wie heißt des Prinzen Spruch?
Wie heißt der Kummer, der sich zu mir drängt,
Und noch mir fremd ist?

Lorenzo.                           Zu vertraut, mein Sohn,
Bist du mit solchen widrigen Gefährten.
Ich bring’ dir Nachricht von des Prinzen Spruch.

Romeo. Und hat sein Spruch mir nicht den Stab gebrochen?

Lorenzo. Ein mild’res Urteil floß von seinen Lippen:
Nicht Leibes Tod, nur leibliche Verbannung.

Romeo. Verbannung? Sei barmherzig! Sage: Tod!
Verbannung trägt der Schrecken mehr im Blick,
Weit mehr als Tod! – O sage nicht Verbannung!

Lorenzo. Hier aus Verona bist du nur verbannt;
Sei ruhig, denn die Welt ist groß und weit.

Romeo. Die Welt ist nirgends außer diesen Mauern;
Nur Fegefeuer, Qual, die Hölle selbst.
Von hier verbannt ist aus der Welt verbannt,
Und solcher Bann ist Tod: Drum gibst du ihm
Den falschen Namen. – Nennst du Tod Verbannung,
Enthauptest du mit goldnem Beile mich,
Und lächelst zu dem Streich, der mich ermordet.

Lorenzo. O schwere Sünd’! o undankbarer Trotz!
Dein Fehltritt heißt nach unsrer Satzung Tod;
Doch dir zu Lieb’ hat sie der güt’ge Fürst
Beiseit’ gestoßen, und Verbannung nur
Statt jenes schwarzen Wortes ausgesprochen.
Und diese teure Gnad’ erkennst du nicht?

Romeo. Nein, Folter – Gnade nicht! Hier ist der Himmel,
Wo Julia lebt, und jeder Hund und Katze
Und kleine Maus, das schlechteste Geschöpf,
Lebt hier im Himmel, darf ihr Antlitz sehn;
Doch Romeo darf nicht. Mehr Würdigkeit,
Mehr Ansehn, mehr gefäll’ge Sitte lebt
In Fliegen, als in Romeo. Sie dürfen
Das Wunderwerk der weißen Hand berühren,
Und Himmelswonne rauben ihren Lippen,
Die sittsam, in Vestalenunschuld, stets
Erröten, gleich als wäre Sünd’ ihr Kuß.
Dies dürfen Fliegen thun, ich muß entfliehn;
Sie sind ein freies Volk, ich bin verbannt.
Und sagst du noch: Verbannung sei nicht Tod?
So hattest du kein Gift gemischt, kein Messer
Geschärft, kein schmählich Mittel schnellen Todes,
Als dies verbannt, zu töten mich? Verbannt!
O Mönch! Verdammte sprechen in der Hölle
Dies Wort mit Heulen aus: hast du das Herz,
Da du ein heil’ger Mann, ein Beicht’ger bist,
Ein Sündenlöser, mein erklärter Freund,
Mich zu zermalmen mit dem Wort Verbannung?

Lorenzo. Du kindisch blöder Mann, hör’ doch ein Wort!

Romeo. O, du willst wieder von Verbannung sprechen!

Lorenzo. Ich will dir eine Wehr dagegen leihn,
Der Trübsal süße Milch, Philosophie,
Um dich zu trösten, bist du gleich verbannt.

Romeo. Und noch verbannt? Hängt die Philosophie!
Kann sie nicht schaffen eine Julia,
Aufheben eines Fürsten Urteilspruch,
Verpflanzen eine Stadt: so hilft sie nicht,
So taugt sie nicht; so rede länger nicht!

Lorenzo. Nun seh’ ich wohl. Wahnsinnige sind taub.

Romeo. Wär’s anders möglich? Sind doch Weise blind.

Lorenzo. Laß über deinen Fall mit dir mich rechten.

Romeo. Du kannst von dem, was du nicht fühlst, nicht reden.
Wärst du so jung wie ich, und Julia dein,
Vermählt seit einer Stund’, erschlagen Tybalt,
Wie ich von Lieb’ entglüht, wie ich verbannt:
Dann möchtest du nur reden, möchtest nur
Das Haar dir raufen, dich zu Boden werfen
Wie ich, und so dein künft’ges Grab dir messen.

(Er wirft sich an den Boden. Man klopft draußen.)

Lorenzo. Steh auf, man klopft; verbirg dich, lieber Freund.

Romeo. O nein, wo nicht des bangen Stöhnens Hauch,
Gleich Nebeln, mich vor Späheraugen schirmt.

(Man klopft.)

Lorenzo. Horch, wie man klopft! – Wer da? – Fort, Romeo!
Man wird dich fangen. – Wartet doch ein Weilchen! –
Steh auf und rett’ ins Lesezimmer dich! –

(Man klopft.)

Ja, ja! im Augenblick! – Gerechter Gott,
Was für ein starrer Sinn! – Ich komm’, ich komme:
Wer klopft so stark? Wo kommt ihr her? Was wollt ihr?

Wärterin. (draußen.)

Laßt mich hinein, so sag’ ich euch die Botschaft,
Das Fräulein Julia schickt mich.

Lorenzo.                           Seid willkommen.

(Die Wärterin tritt herein.)

Wärterin.O heil’ger Herr! o sagt mir, heil’ger Herr:
Des Fräuleins Liebster, Romeo, wo ist er?

Lorenzo. Am Boden dort, von eignen Thränen trunken.

Wärterin. O, es ergeht wie meiner Herrschaft ihm,
Ganz so wie ihr!

Lorenzo.                           O Sympathie des Wehs!
Bedrängte Gleichheit!

Wärterin.                           Gerade so liegt sie,
Winselnd und wehklagend, wehklagend und winselnd.
Steht auf! steht auf! Wenn ihr ein Mann seid, steht!
Um Juliens willen, ihr zu Lieb’, steht auf!
Wer wollte so sich niederwerfen lassen?

Romeo. Gute Frau!

Wärterin. Ach Herr! Herr! Mit dem Tod ist alles aus.

Romeo. Sprachst du von Julien? Wie steht’s mit ihr?
Hält sie mich nicht für einen alten Mörder,
Da ich mit Blut, dem ihrigen so nah,
Die Kindheit unsrer Wonne schon befleckt?
Wo ist sie? und was macht sie? und was sagt
Von dem zerstörten Bund die kaum Verbundne?

Wärterin. Ach, Herr! sie sagt kein Wort, sie weint und weint.
Bald fällt sie auf ihr Bett, dann fährt sie auf,
Ruft: Tybalt! aus, schreit dann nach Romeo,
Und fällt dann wieder hin.

Romeo.                           Als ob der Name,
Aus tödlichem Geschütz auf sie gefeuert,
Sie mordete, wie sein unsel’ger Arm
Den Vetter ihr gemordet. Sag mir, Mönch,
O sage mir: in welchem schnöden Teil
Beherbergt dies Gerippe meinen Namen?
Sag, daß ich den verhaßten Sitz verwüste.

(Er zieht den Degen.)

Lorenzo. Halt ein die tolle Hand! Bist du ein Mann?
Dein Aeußres ruft, du seist es; deine Thränen
Sind weibisch; deine wilden Thaten zeugen
Von eines Tieres unvernünft’ger Wut.
Entartet Weib in äußrer Mannesart!
Entstelltes Tier, in beide nur verstellt!
Ich staun’ ob dir: bei meinem heil’gen Orden!
Ich glaubte, dein Gemüt sei bessern Stoffs.
Erschlugst du Tybalt? Willst dich selbst erschlagen?
Auch deine Gattin, die in dir nur lebt,
Durch so verruchten Haß, an dir verübt?
Was schiltst du auf Geburt, auf Erd’ und Himmel?
In dir begegnen sie sich alle drei,
Die du auf einmal von dir schleudern willst.
Du schändest deine Bildung, deine Liebe
Und deinen Witz. O pfui! Gleich einem Wuchrer
Hast du an allem Ueberfluß, und brauchst
Doch nichts davon zu seinem echten Zweck,
Der Bildung, Liebe, Witz erst zieren sollte.
Ein Wachsgepräg ist deine edle Bildung,
Wenn sie der Kraft des Manns abtrünnig wird,
Dein teurer Liebesschwur ein hohler Meineid.
Wenn du die tötest, der du Treu gelobt;
Dein Witz, die Zier der Bildung und der Liebe,
Doch zum Gebrauche beider mißgeartet,
Fängt Feuer durch dein eignes Ungeschick,
Wie Pulver in nachläss’ger Krieger Flasche;
Und was dich schirmen soll, zerstückt dich selbst.
Auf, sei ein Mann! denn deine Julia lebt,
Sie, der zu lieb du eben tot hier lagst:
Das ist ein Glück. Dich wollte Tybalt töten,
Doch du erschlugst ihn: das ist wieder Glück.
Dein Freund wird das Gesetz, das Tod dir drohte
Und mildert ihn in Bann: auch das ist Glück.
Auf deine Schultern läßt sich eine Last
Von Segen nieder, und es wirbt um dich
Glückseligkeit in ihrem besten Schmuck;
Doch wie ein ungezognes, laun’sches Mädchen
Schmollst du mit deinem Glück und deiner Liebe;
O hüte dich! denn solche sterben elend.
Geh hin zur Liebsten, wie’s beschlossen war;
Ersteig ihr Schlafgemach: fort, tröste sie!
Nur weile nicht, bis man die Wachen stellt,
Sonst kömmst du nicht mehr durch nach Mantua.
Dort lebst du dann, bis wir die Zeit ersehn
Die Freunde zu versöhnen, euren Bund
Zu offenbaren, von dem Fürsten Gnade
Für dich zu flehn, und dich zurück zu rufen
Mit zwanzighunderttausendmal mehr Freude
Als du mit Jammer jetzt von hinnen ziehst.
Geh, Wärterin, voraus, grüß mir dein Fräulein;
Heiß sie das ganze Haus zu Bette treiben,
Wohin der schwere Gram von selbst sie treibt:
Denn Romeo soll kommen.

Wärterin. O je! ich blieb’ hier gern die ganze Nacht,
Und hörte gute Lehr’. Da sieht man doch,
Was die Gelahrtheit ist! – Nun, gnäd’ger Herr,
Ich will dem Fräulein sagen, daß ’hr kommt.

Romeo. Thu das, und sag der Holden, daß sie sich
Bereite, mich zu schelten.

Wärterin.                           Gnäd’ger Herr,
Hier ist ein Ring, den sie für euch mir gab.
Eilt euch, macht fort, sonst wird es gar zu spät.

(Ab.)

Romeo. Wie ist mein Mut nun wieder neu belebt!

Lorenzo. Geh! gute Nacht! Und hieran hängt dein Los:
Entweder geh, bevor man Wachen stellt,
Wo nicht, verkleidet in der Frühe fort.
Verweil in Mantua; ich forsch’ indessen
Nach deinem Diener, und er meldet dir
Von Zeit zu Zeit ein jedes gute Glück,
Das hier begegnet. – Gib mir deine Hand,
Es ist schon spät: fahr’ wohl denn! gute Nacht!

Romeo. Mich rufen Freuden über alle Freuden,
Sonst wär’s ein Leid von dir so schnell zu scheiden.
Leb wohl!

(Beide ab.)

Vierte Scene.

Ein Zimmer in Capulets Hause. (Capulet, Gräfin Capulet, Paris.)

Capulet. Es ist so schlimm ergangen, Graf, daß wir
Nicht Zeit gehabt, die Tochter anzumahnen.
Denn seht, sie liebte herzlich ihren Vetter;
Das that ich auch: nun, einmal stirbt man doch. –
Es ist schon spät, sie kommt nicht mehr herunter,
Ich sag’ euch, wär’s nicht der Gesellschaft wegen,
Seit einer Stunde läg’ ich schon im Bett.

Paris. So trübe Zeit gewährt nicht Zeit zum Frein;
Gräfin, schlaft wohl, empfehlt mich eurer Tochter.

Gräfin Capulet. Ich thu’s, und forsche morgen früh sie aus:
Heut Nacht verschloß sie sich mit ihrem Gram.

Capulet. Graf Paris, ich vermesse mich zu stehn
Für meines Kindes Lieb’; ich denke wohl,
Sie wird von mir in allen Stücken sich
Bedeuten lassen, ja ich zweifle nicht
Frau, geh’ noch zu ihr, eh’ du schlafen gehst,
Thu’ meines Sohnes Paris Lieb’ ihr kund
Und sag’ ihr, merk’ es wohl: auf nächsten Mittwoch –
Still, was ist heute?

Paris.                           Montag, edler Herr.

Capulet. Montag? So so! Gut, Mittwoch ist zu früh.
Sei’s Donnerstag! – Sag’ ihr: am Donnerstag
Wird sie vermählt mit diesem edlen Grafen.
Wollt ihr bereit sein? Liebt ihr diese Eil?
Wir thun’s im Stillen ab; nur ein paar Freunde.
Denn seht, weil Tybalt erst erschlagen ist,
So dächte man, er läg’ uns nicht am Herzen,
Als unser Blutsfreund, schwärmten wir zu viel.
Drum laßt uns ein halb Dutzend Freunde laden,
Und damit gut. Wie dünkt euch Donnerstag?

Paris. Mein Graf, ich wollte, Donnerstag wär’ morgen.

Capulet. Gut, geht nur heim! Sei’s denn am Donnerstag.
Geh, Frau, zu Julien, eh’ du schlafen gehst,
Bereite sie auf diesen Hochzeittag.
Lebt wohl, mein Graf!

(Paris ab.)

                          He! Licht auf meine Kammer!
Nach meiner Weise ist’s so spät, daß wir
Bald früh es nennen können. Gute Nacht!

(Capulet und die Gräfin ab.)

Fünfte Scene.

Juliens Zimmer. (Romeo und Julia.)


Julia. Willst du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern.
Es war die Nachtigall und nicht die Lerche,
Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang;
Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.
Glaub’, Lieber, mir, es war die Nachtigall.

Romeo. Die Lerche war’s, die Tagverkünderin,
Nicht Philomele; sieh den neid’schen Streif,
Der dort im Ost der Frühe Wolken säumt.
Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt,
Der muntre Tag erklimmt die dunst’gen Höhn;
Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod.

Julia. Trau mir, das Licht ist nicht des Tages Licht,
Die Sonne hauchte dieses Luftbild aus,
Dein Fackelträger diese Nacht zu sein,
Dir auf dem Weg nach Mantua zu leuchten;
Drum bleibe noch: zu gehn ist noch nicht Not!

Romeo. Laß sie mich greifen, ja, laß sie mich töten!
Ich gebe gern mich drein, wenn du es willst.
Nein, jenes Grau ist nicht des Morgens Auge,
Der bleiche Abglanz nur von Cynthias Stirn.
Das ist auch nicht die Lerche, deren Schlag
Hoch über uns des Himmels Wölbung trifft.
Ich bleibe gern; zum Gehn bin ich verdrossen. –
Willkommen, Tod! hat Julia dich beschlossen. –
Nun, Herz? Noch tagt es nicht, noch plaudern wir.

Julia. Es tagt, es tagt! Auf! eile! fort von hier!
Es ist die Lerche, die so heiser singt,
Und falsche Weisen, rauhen Mißton gurgelt.
Man sagt, der Lerche Harmonie sei süß;
Nicht diese: sie zerreißt die unsre ja.
Die Lerche, sagt man, wechselt mit der Kröte
Die Augen: möchte sie doch auch die Stimme!
Die Stimm’ ist’s ja, die Arm aus Arm uns schreckt,
Dich von mir jagt, da sie den Tag erweckt.
Stets hell und heller wird’s: wir müssen scheiden.

Romeo. Hell? Dunkler stets und dunkler unsre Leiden!

(Die Wärterin kommt herein.)

Wärterin. Fräulein!

Julia. Amme?

Wärterin. Die gnäd’ge Gräfin kommt in eure Kammer;
Seid auf der Hut; schon regt man sich im Haus.

(Wärterin ab.)

Julia. (das Fenster öffnend.)

Tag, schein herein, und Leben, flieh hinaus!

Romeo. Ich steig hinab: laß dich noch einmal küssen!

(Er steigt aus dem Fenster.)

Julia. (aus dem Fenster ihm nachsehend.)

Freund! Gatte! Trauter! bist du mir entrissen?
Gib Nachricht jeden Tag mir in der Stunde;
Schon die Minut enthält der Tage viel.
Ach, so zu rechnen, bin ich hoch in Jahren
Eh’ meinen Romeo ich wiederseh’.

Romeo. (außerhalb.)

Leb wohl! Kein Mittel lass’ ich aus den Händen,
Um dir, du Liebe, meinen Gruß zu senden.

Julia. O denkst du, daß wir je uns wiedersehn?

Romeo. Ich zweifle nicht, und all dies Leiden dient
In Zukunft uns zu süßerem Geschwätz.

Julia. O Gott! ich hab’ ein Unglück ahnend Herz.
Mir däucht, ich säh’ dich, da du unten bist,
Als lägst du tot in eines Grabes Tiefe.
Mein Auge trügt mich, oder du bist bleich.

Romeo. So, Liebe, scheinst du meinen Augen auch.
Der Schmerz trinkt unser Blut. Leb wohl! leb wohl!

(Ab.)

Julia. O Glück! ein jeder nennt dich unbeständig;
Wenn du es bist: was thust du mit dem Treuen?
Sei unbeständig, Glück! Dann hältst du ihn
Nicht lange, hoff’ ich, sendest ihn zurück.

Gräfin Capulet. (hinter der Scene.)

He, Tochter, bist du auf?

Julia. Wer ruft mich? Ist es meine gnäd’ge Mutter?
Wacht sie so spät noch, oder schon so früh?
Welch ungewohnter Anlaß bringt sie her?

(Die Gräfin Capulet kommt herein.)

Gräfin Capulet. Nun, Julia, wie geht’s?

Julia.                           Mir ist nicht wohl.

Gräfin Capulet. Noch immer weinend um des Vetters Tod?
Willst du mit Thränen aus der Gruft ihn waschen?
Und könntest du’s, das rief’ ihn nicht ins Leben:
Drum laß das; trauern zeugt von vieler Liebe,
Doch zu viel trauern zeugt von wenig Witz.

Julia. Um einen Schlag, der so empfindlich traf,
Erlaubt zu weinen mir.

Gräfin Capulet.                           So trifft er dich;
Der Freund empfindet nichts, den du beweinst.

Julia. Doch ich empfind’, und muß den Freund beweinen.

Gräfin Capulet. Mein Kind, nicht seinen Tod so sehr beweinst du,
Als daß der Schurke lebt, der ihn erschlug.

Julia. Was für ein Schurke?

Gräfin Capulet.                           Nun, der Romeo.

Julia. (beiseite.)

Er und ein Schurk’ sind himmelweit entfernt. –

(Laut.)

Vergeb’ ihm Gott! Ich thu’s von ganzem Herzen;
Und dennoch kränkt kein Mann, wie er, mein Herz.

Gräfin Capulet.Ja freilich, weil der Meuchelmörder lebt.

Julia. Ja, wo ihn diese Hände nicht erreichen! –
O rächte niemand doch als ich den Vetter!

Gräfin Capulet. Wir wollen Rache nehmen, sorge nicht:
Drum weine du nicht mehr. Ich send’ an jemand
Zu Mantua, wo der Verlaufne lebt;
Der soll ein kräftig Tränkchen ihm bereiten,
Das bald ihn zum Gefährten Tybalts macht.
Dann wirst du hoffentlich zufrieden sein.

Julia. Fürwahr, ich werde nie mit Romeo
Zufrieden sein, erblick ich ihn nicht – tot –
Wenn so mein Herz um einen Blutsfreund leidet.
Ach, fändet ihr nur jemand, der ein Gift
Ihm reichte, gnäd’ge Frau: ich wollt’ es mischen,
Daß Romeo, wenn er’s genommen, bald
In Ruhe schliefe. – Wie mein Herz es haßt,
Ihn nennen hören – und nicht zu ihm können –
Die Liebe, die ich zu dem Vetter trug,
An dem, der ihn erschlagen hat, zu büßen!

Gräfin Capulet. Find’st du das Mittel, find’ ich wohl den Mann.
Doch bring’ ich jetzt dir frohe Zeitung, Mädchen.

Julia. In so bedrängter Zeit kommt Freude recht.
Wie lautet sie? Ich bitt’ euch, gnäd’ge Mutter.

Gräfin Capulet. Nun, Kind, du hast ’nen aufmerksamen Vater;
Um dich von deinem Trübsinn abzubringen,
Ersann er dir ein plötzlich Freudenfest,
Dess’ ich so wenig mich versah, wie du.

Julia. Ei, wie erwünscht! Was wär’ das, gnäd’ge Mutter?

Gräfin Capulet. Ja, denk’ dir, Kind! Am Donnerstag früh morgens
Soll der hochedle, wackre junge Herr,
Graf Paris, in Sankt Peters Kirche dich
Als frohe Braut an den Altar geleiten.

Julia. Nun, bei Sankt Peters Kirch’ und Petrus selbst!
Er soll mich nicht als frohe Braut geleiten.
Mich wundert diese Eil’, daß ich vermählt
Muß werden, eh’ mein Freier kömmt zu werben.
Ich bitt’ euch, gnäd’ge Frau, sagt meinem Vater
Und Herrn, ich wolle noch mich nicht vermählen;
Und wenn ich’s thue, schwör’ ich: Romeo,
Von dem ihr wißt, ich hass’ ihn, soll es lieber
Als Paris sein.

Gräfin Capulet. Fürwahr, das ist was Neues! Da kommt dein Vater, sag’ du selbst ihm das;
Sieh’, wie er sich’s von dir gefallen läßt.

(Capulet und die Wärterin kommen.)

Capulet. Die Luft sprüht Tau beim Sonnenuntergang,
Doch bei dem Untergange meines Neffen,
Da gießt der Regen recht.
Was? Eine Traufe, Mädchen? Stets in Thränen?
Stets Regenschauer? In so kleinem Körper
Spielst du auf einmal See und Wind und Kahn:
Denn deine Augen ebben stets und fluten
Von Thränen wie die See; dein Körper ist der Kahn,
Der diese salze Flut befährt; die Seufzer
Sind Winde, die mit deinen Thränen tobend,
Wie die mit ihnen, wenn nicht Stille plötzlich
Erfolgt, den hin und her geworfnen Körper
Zertrümmern werden. – Nun, wie steht es, Frau?
Hast du ihr unsern Ratschluß hinterbracht?

Gräfin Capulet. Ja, doch sie will es nicht, sie dankt euch sehr.
Wär’ doch die Thörin ihrem Grab vermählt!

(Will gehen.)

Capulet. Sacht, nimm mich mit dir, nimm mich mit dir, Frau.
Was? Will sie nicht? Weiß sie uns keinen Dank?
Ist sie nicht stolz? Schätzt sie sich nicht beglückt,
Daß wir solch einen würd’gen Herrn vermocht,
Trotz ihrem Unwert, ihr Gemahl zu sein?

Julia. Nicht stolz darauf, noch dankbar, daß ihr’s thatet.
Stolz kann ich nie auf das sein, was ich hasse;
Doch dankbar selbst für Haß, gemeint wie Liebe.

Capulet. Ei, seht mir! seht mir! Kramst du Weisheit aus?
Stolz – und ich dank’ euch – und ich dank’ euch nicht –
Und doch nicht stolz. – Hör’, Fräulein Zierlich du,
Nichts da gedankt von Dank, stolzirt von Stolz!
Rück’ nur auf Donnerstag dein zart Gestell zurecht,
Mit Paris nach Sankt Peters Kirch’ zu gehn,
Sonst schlepp’ ich dich auf einer Schleife hin.
Pfui, du bleichsücht’ges Ding, du lose Dirne!
Du Talggesicht!

Gräfin Capulet.                           O pfui! seid ihr von Sinnen?

Julia. Ich fleh’ euch auf den Knie’n, mein guter Vater:
Hört mit Geduld ein einzig Wort nur an.

Capulet. Geh mir zum Henker, widerspänst’ge Dirne!
Ich sage dir’s: zur Kirch’ auf Donnerstag,
Sonst komm’ mir niemals wieder vors Gesicht.
Sprich nicht! erwidre nicht! gib keine Antwort!
Die Finger jucken mir. O Weib, wir glaubten
Uns kaum genug gesegnet, weil uns Gott
Dies eine Kind nur sandte; doch nun seh’ ich,
Dies eine war um eines schon zu viel,
Und nur ein Fluch ward uns in ihr beschert.
Du Hexe!

Wärterin.                           Gott im Himmel segne sie!
Eu’r Gnaden thun nicht wohl, sie so zu schelten.

Capulet. Warum, Frau Weisheit? Haltet euren Mund,
Prophetin! schnattert mit Gevatterinnen!

Wärterin. Ich sage keine Schelmstück’.

Capulet.                           Geht mit Gott!

Wärterin. Darf man nicht sprechen?

Capulet.                           Still doch, altes Waschmaul,
Spart eure Predigt zum Gevatterschmaus:
Hier brauchen wir sie nicht.

Gräfin Capulet.                           Ihr seid zu hitzig.

Capulet. Gotts Sakrament! es macht mich toll. Bei Tag,
Bei Nacht, spät, früh, allein und in Gesellschaft,
Zu Hause, draußen, wachend und im Schlaf,
War meine Sorge stets, sie zu vermählen.
Nun, da ich einen Herrn ihr ausgemittelt,
Von fürstlicher Verwandtschaft, schönen Gütern,
Jung, edel auferzogen, ausstaffirt,
Wie man wohl sagt, mit ritterlichen Gaben:
Und dann ein albern, winselndes Geschöpf,
Ein weinerliches Püppchen da zu haben,
Die, wenn ihr Glück erscheint, zur Antwort gibt:
"Heiraten will ich nicht, ich kann nicht lieben,
"Ich bin zu jung, ich bitt’, entschuldigt mich." –
Gut, wollt ihr nicht, ihr sollt entschuldigt sein:
Grast, wo ihr wollt, ihr sollt bei mir nicht hausen.
Seht zu! bedenkt! ich pflege nicht zu spaßen.
Der Donnerstag ist nah: die Hand aufs Herz!
Und bist du mein, so soll mein Freund dich haben;
Wo nicht: geh, bettle, hung’re, stirb am Wege!
Denn nie, bei meiner Seel’, erkenn ich dich,
Und nichts, was mein, soll dir zu Gute kommen.
Bedenk’ dich! glaub’, ich halte, was ich schwur.

(Ab.)

Julia. Und wohnt kein Mitleid droben in den Wolken,
Das in die Tiefe meines Jammers schaut?
O süße Mutter, stoß’ mich doch nicht weg!
Nur einen Monat, eine Woche Frist!
Wo nicht, bereite mir das Hochzeitsbette
In jener düstern Gruft, wo Tybalt liegt.

Gräfin Capulet. Sprich nicht zu mir; ich sage nicht ein Wort.
Thu’, was du willst, du gehst mich nichts mehr an.

(Ab.)

Julia. O Gott! wie ist dem vorzubeugen, Amme?
Mein Gatt’ auf Erden, meine Treu’ im Himmel –
Wie soll die Treu’ zur Erde wiederkehren,
Wenn sie der Gatte nicht, der Erd’ entweichend,
Vom Himmel sendet? – Tröste! rate! hilf!
Weh, weh mir, daß der Himmel solche Tücken
An einem sanften Wesen übt wie ich!
Was sagst du? hast du kein erfreuend Wort,
Kein Wort des Trostes?

Wärterin.                           Meiner Seel’, hier ist’s.
Er ist verbannt, und tausend gegen eins,
Daß er sich nimmer wieder her getraut,
Euch anzusprechen; oder thät’ er es,
So müßt’ es schlechterdings verstohlen sein.
Nun, weil denn so die Sachen stehn, so denk’ ich,
Das beste wär’, daß ihr den Grafen nähmt.
Ach, er ist solch ein allerliebster Herr!
Ein Lump ist Romeo nur gegen ihn.
Ein Adlersauge, Fräulein, ist so grell,
So schön, so feurig nicht, wie Paris seins.
Ich will verwünscht sein, ist die zweite Heirat
Nicht wahres Glück für euch; weit vorzuziehn
Ist sie der ersten. Oder wär’ sie’s nicht?
Der erste Mann ist tot, so gut als tot;
Denn lebt er schon, habt ihr doch nichts von ihm.

Julia. Sprichst du von Herzen?

Wärterin.                           Und von ganzer Seele,
Sonst möge Gott mich strafen!

Julia.                      Amen.

Wärterin.                           Was?

Julia. Nun ja, du hast mich wunderbar getröstet.
Geh, sag der Mutter, weil ich meinen Vater
Erzürnt, so woll’ ich nach Lorenzos Zelle,
Zu beichten und Vergebung zu empfahn.

Wärterin. Gewiß, das will ich. Ihr thut weislich dran.

(Ab.)

Julia. O alter Erzfeind! höllischer Versucher!
Ist’s ärg’re Sünde, so zum Meineid mich
Verleiten, oder meinen Gatten schmähn
Mit eben dieser Zunge, die zuvor
Viel tausendmal ihn ohne Maß und Ziel
Gepriesen hat? – Hinweg, Ratgeberin!
Du und mein Busen sind sich künftig fremd. –
Ich will zum Mönch, ob er nicht Hilfe schafft;
Schlägt alles fehl, hab’ ich zum Sterben Kraft.

(Ab.)

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