Liebewohl

Berühmte Liebespaare: Antonius und Kleopatra

Erster Aufzug

Erste Szene

Alexandria. Ein Zimmer in Cleopatras Palast.


Demetrius und Philo treten auf.


PHILO.

Nein, dieser Liebeswahnsinn unsres Feldherrn

Steigt übers Maß. Die tapfern, edlen Augen,

Die über Kriegsreih'n und Legionen glühten,

So wie der erzne Mars, sie heften sich

Und wenden ihrer Blicke Dienst und Andacht

Auf eine braune Stirn: sein Heldenherz,

Das im Gewühl der Schlachten sonst gesprengt

Die Spangen seiner Brust, fällt ab zur Schmach,

Und ist zum Fächer worden und zum Blas'balg,

Die lüsterne Zigeun'rin abzukühlen.

Seht da, sie kommen!


Trompetenstoß. Antonius und Cleopatra mit ihrem Gefolge und Verschnittnen, die ihr Luft zufächeln, treten auf.


Bemerkt ihn recht, so seht Ihr dann in ihm

Des Weltalls dritte Säule umgewandelt

Zum Narren einer Buhlerin: schaut hin und seht! –

CLEOPATRA.

Ist's wirklich Liebe, sag mir denn, wie viel?

ANTONIUS.

Armsel'ge Liebe, die sich zählen ließe! –

CLEOPATRA.

Ich will den Grenzstein setzen deiner Liebe!

ANTONIUS.

So mußt du neue Erd' und Himmel schaffen.


Ein Bote tritt auf.


BOTE.

Zeitung aus Rom, Herr!

ANTONIUS.

O Verdruß! Mach's kurz!

CLEOPATRA.

Nein, höre sie, Antonius:

Fulvia vielleicht ist zornig? Oder hat –

– Wer weiß es? – der dünnbärt'ge Cäsar

Sein Machtgebot gesandt: »Tu' dies und das!

Dies Reich erobre! Jenes mache frei!

Tu's gleich, sonst zürnen wir!«

ANTONIUS.

Wie nun! Geliebte!

CLEOPATRA.

Vielleicht – nein doch, gewiß

Darfst du nicht länger bleiben: Cäsar weigert

Dir fernern Urlaub! Drum, Antonius, hör' ihn! –

Wo ist Fulvias Aufruf? Cäsars meint' ich – beider?

– Die Boten ruft! – So wahr ich Königin,

Antonius, du erröt'st: dies Blut erkennt

Cäsarn als Herrn; wo nicht, zahlt Scham die Wange,

Wenn Fulvias Kreischen zankt. – Die Abgesandten! –

ANTONIUS.

Schmilz in die Tiber, Rom! Der weite Bogen

Des festen Reichs, zerbrich! Hier ist die Welt,

Thronen sind Staub: – die kot'ge Erde nährt

Wie Mensch, so Tier: der Adel nur des Lebens

Ist, so zu tun, wenn solch ein liebend Paar –


umarmt sie


Und solch Zwillingsgestirn es darf: worin

(Bei schwerer Ahndung wisse das die Welt!)

Wir unerreichbar sind.

CLEOPATRA.

Erhabne Lüge!

Wie ward Fulvia sein Weib, liebt' er sie nicht? –

So will ich Törin scheinen und nicht sein; –

Anton bleibt stets er selbst.

ANTONIUS.

Nur nicht, reizt ihn Cleopatra. Wohlan,

Zu Liebe unsrer Lieb' und süßen Stunden,

Nicht sei durch herb Gespräch die Zeit verschwendet:

Kein Punkt in unserm Leben, den nicht dehne

Noch neue Lust. Welch Zeitvertreib zu Nacht? –

CLEOPATRA.

Hör' die Gesandten!

ANTONIUS.

Pfui, zanksücht'ge Königin!

Der alles zierlich steht, Schelten und Lachen,

Und Weinen; jede Unart kämpft in dir,

Daß sie zur Schönheit und Bewund'rung wird. –

Kein Bote! Einzig dein, und ganz allein! –

Zu Nacht durchwandern wir die Stadt und merken

Des Volkes Launen. Komm, o Königin,

Noch gestern wünschtest du's. – Sprecht nicht zu uns!


Antonius mit Cleopatra und Gefolge ab.


DEMETRIUS.

Wie! schätzt Antonius Cäsarn so gering?

PHILO.

Zuzeiten, wenn er nicht Antonius ist,

Entzieht sich ihm die große, würd'ge Haltung,

Die stets ihn sollte schmücken.

DEMETRIUS.

Mich bekümmert's,

Daß er bekräftigt den gemeinen Lügner,

Der so von ihm in Rom erzählt. Doch hoff' ich

Morgen auf ein verständ'ger Tun. – Schlaft wohl! –


Beide ab.

Zweite Szene

Daselbst. Ein andres Zimmer.


Es treten auf Charmion, Iras, Alexas und ein Wahrsager.


CHARMION.

Herzens Alexas, süßer Alexas, ausbündigster Alexas, du allersublimiertester Alexas, wo ist der Wahrsager, den du der Königin so gerühmt? O kennte ich doch diesen Ehemann, der, wie du sagst, seine Hörner für Kränze ansieht! –

ALEXAS.

Wahrsager! –

WAHRSAGER.

Was wollt Ihr? –

CHARMION.

Ist dies der Mann? Seid Ihr's, der alles weiß?

WAHRSAGER.

In der Natur unendlichem Geheimnis

Les' ich ein wenig.

ALEXAS.

Zeig' ihm deine Hand!


Enobarbus tritt auf.


ENOBARBUS.

Bringt das Bankett sogleich, und Wein genug,

Aufs Wohl Cleopatras zu trinken!

CHARMION.

Freund, schenk' mir gutes Glück!

WAHRSAGER.

Ich mach' es nicht, ich seh' es nur voraus.

CHARMION.

Ersieh' mir eins!

WAHRSAGER.

Ihr werdet noch an Schönheit zunehmen.

CHARMION.

Er meint an Umfang.

IRAS.

Nein, wenn du alt geworden bist, wirst du dich schminken.

CHARMION.

Nur keine Runzeln! –

ALEXAS.

Stört den Propheten nicht! Gebt Achtung!

CHARMION.

Mum! –

WAHRSAGER.

Ihr werdet mehr verliebt sein als geliebt.

CHARMION.

Nein, lieber mag mir Wein die Leber wärmen.

ALEXAS.

So hört ihn doch!

CHARMION.

Nun ein recht schönes Glück: laß mich an einem Vormittage drei Könige heiraten und sie alle begraben; laß mich im funfzigsten Jahr ein Kind bekommen, dem Herodes, der Judenkönig, huldigt: sieh zu, daß du mich mit dem Octavius Cäsar verheiratest und meiner Gebieterin gleich stellst.

WAHRSAGER.

Ihr überlebt die Fürstin, der Ihr dient. –

CHARMION.

O trefflich! Langes Leben ist mir lieber als Feigen.

WAHRSAGER.

Ihr habt bisher ein beßres Glück erfahren,

Als Euch bevorsteht.

CHARMION.

So werden meine Kinder wohl ohne Namen bleiben: – sage doch, wie viel Buben und Mädchen bekomme ich noch? –

WAHRSAGER.

Wenn jeder deiner Wünsche wär' ein Schoß,

Und fruchtbar jeder Wunsch, – 'ne Million.

CHARMION.

Geh, Narr, ich vergebe dir, weil du ein Hexenmeister bist.

ALEXAS.

Ihr meint, nur Eure Bettücher wüßten um Eure Wünsche?

CHARMION.

Nun sag auch Iras' Zukunft!

ALEXAS.

Wir wollen alle unser Schicksal wissen.

ENOBARBUS.

Mein und der meisten Schicksal für heut abend wird sein – betrunken zu Bett.

IRAS.

Hier ist eine flache Hand, die weissagt Keuschheit, wenn nichts anders.

CHARMION.

Grade wie die Überschwemmung des Nils Hunger weissagt.

IRAS.

Geh, du wilde Gesellin, du verstehst nichts vom Wahrsagen.

CHARMION.

Nein, wenn eine feuchte Hand nicht ein Wahrzeichen von Fruchtbarkeit ist, so kann ich mir nicht das Ohr kratzen. – Bitte dich, sag ihr nur ein Alltagsschicksal!

WAHRSAGER.

Euer Schicksal ist sich gleich.

IRAS.

Doch wie? Doch wie? Sag mir's umständlicher!

WAHRSAGER.

Ich bin zu Ende.

IRAS.

Soll ich nicht um einen Zoll breit beßres Schicksal haben als sie? –

CHARMION.

Nun, wenn dir das Schicksal just einen Zoll mehr gönnt, als mir, wo sollt' er hinkommen?

IRAS.

Nicht an meines Mannes Nase.

CHARMION.

O Himmel, beßre unsre bösen Gedanken! Alexas, komm; dein Schicksal, dein Schicksal! O laß ihn ein Weib heiraten, das nicht gehn kann, liebste Isis, ich flehe dich! Und laß sie ihm sterben, und gib ihm eine Schlimmere, und auf die Schlimmere eine noch Schlimmre, bis die Schlimmste von allen ihm lachend zu Grabe folgt, dem funfzigfältigen Hahnrei! Gute Isis, erhöre dies Gebet, wenn du mir auch etwas Wichtiges abschlägst; gute Isis, ich bitte dich! –

IRAS.

Amen! Liebe Göttin, höre dieses Gebet deines Volkes! Denn wie es herzbrechend ist, einen hübschen Mann mit einer lockern Frau zu sehn, so ist's eine tödliche Betrübnis; wenn ein häßlicher Schelm unbehornt einhergeht: darum, lebe Isis, sieh auf den Anstand, und send' ihm sein verdientes Schicksal!

CHARMION.

Amen!

ALEXAS.

Nun seht mir! Wenn's in ihrer Hand stände, mich zum Hahnrei zu machen, sie würden zu Huren, um es zu tun.

ENOBARBUS.

Still da, Antonius kommt.

CHARMION.

Nicht er, die Fürstin.


Cleopatra kommt.


CLEOPATRA.

Saht ihr Anton?

ENOBARBUS.

Nein, Herrin.

CLEOPATRA.

War er nicht hier?

CHARMION. Nein, gnäd'ge Frau.

CLEOPATRA.

Er war gestimmt zum Frohsinn, da, auf einmal

Ergriff ihn ein Gedank' an Rom ... Enobarbus! –

ENOBARBUS.

Fürstin? –

CLEOPATRA.

Such' ihn und bring' ihn her! Wo ist Alexas?

ALEXAS.

Hier, Fürstin, Euch zum Dienst. – Der Feldherr naht.


Antonius kommt mit einem Boten und Gefolge.


CLEOPATRA.

Wir wollen ihn nicht ansehn. Geht mit uns.

Cleopatra, Enobarbus, Alexas, Iras, Charmion, Wahrsager und Gefolge ab.


BOTE.

Fulvia, dein Weib, erschien zuerst im Feld.

ANTONIUS.

Wider meinen Bruder Lucius?

BOTE.

Ja,

Doch bald zu Ende war der Krieg. Der Zeitlauf

Einte die zwei zum Bündnis wider Cäsar,

Des beßres Glück im Felde von Italien

Sie nach der ersten Schlacht vertrieb.

ANTONIUS.

Nun gut; –

Was Schlimmres? –

BOTE.

Der bösen Zeitung Gift macht krank den Boten.

ANTONIUS.

Wenn er sie Narr'n und Feigen meldet; weiter!

Mir ist Geschehnes abgetan. Vernimm,

Wer mir die Wahrheit sagt, und spräch' er Tod,

Ich hört' ihn an, als schmeichelt' er.

BOTE.

Labienus

(O harte Post!) hat mit dem Partherheer,

Vom Euphrat aus, sich Asien erobert:

Sein triumphierend Banner weht von Syrien

Bis Lydien und Jonien; indes ...

ANTONIUS.

Antonius, willst du sagen ...

BOTE.

O mein Feldherr!

ANTONIUS.

Sprich dreist, verfeinre nicht des Volkes Zunge,

Nenne Cleopatra, wie Rom sie nennt,

Tadle mit Fulvias Schmähn, schilt meine Fehler

Mit allem Freimut, wie nur Haß und Wahrheit

Sie zeichnen mag! Nur Unkraut tragen wir,

Wenn uns kein Wind durchschüttelt; und uns schelten,

Heißt nur rein jäten. Lebe wohl für jetzt!

BOTE.

Nach Eurem hohen Willen.


Ab.


ANTONIUS.

Was meldet man von Sicyon? Sag an.

ERSTER DIENER.

Der Bot' aus Sicyon! War nicht einer da?

ZWEITER DIENER.

Er harrt auf Euren Ruf.

ANTONIUS.

Laßt ihn erscheinen. –


Diener gehn.

– Die starke ägypt'sche Fessel muß ich brechen,

Sonst geh' in Lieb' ich unter. – Wer bist du? –

ZWEITER BOTE.

Fulvia, dein Weib, ist tot.

ANTONIUS.

Wo starb sie?

ZWEITER BOTE.

Herr,

In Sicyon:

Der Krankheit Dauer, und was sonst von Nachdruck

Dir frommt zu wissen, sagt dies Blatt. –

ANTONIUS.

Entfernt Euch! –


Bote ab.


Da schied ein hoher Geist! Das war mein Wunsch: –

Was wir verachtend oft hinweggeschleudert,

Das wünschen wir zurück: erfüllte Freude,

Durch Zeitumschwung ermattet, wandelt sich

Ins Gegenteil: gut ist sie nun, weil tot:

Nun reicht' ich gern die Hand, die ihr gedroht.

Fliehn muß ich diese Zauberkönigin:

Zehntausend Weh'n, und schlimmre, als ich weiß,

Brütet mein Müßiggang. He! – Enobarbus! –


Enobarbus kommt.

ENOBARBUS.

Was wünscht Ihr, Herr? –

ANTONIUS.

Ich muß in Eil' von hier.

ENOBARBUS.

Nun, dann bringen wir alle unsre Weiber um: wir sehn ja, wie tödlich ihnen eine Unfreundlichkeit wird: wenn sie unsre Abreise überstehn müssen, so ist Tod die Losung.

ANTONIUS.

Ich muß hinweg!

ENOBARBUS.

Ist eine Notwendigkeit da, so laßt die Weiber sterben. Schade wär's, sie um nichts wegzuwerfen: aber ist von ihnen und einer wichtigen Sache die Rede, so muß man sie für nichts rechnen. Cleopatra, wenn sie nur das Mindeste hievon wittert, stirbt augenblicklich: ich habe sie zwanzigmal um weit armseligem Grund sterben sehn. Ich denke, es steckt eine Kraft im Tode, die wie eine Liebesumarmung auf sie wirkt, so ist sie mit dem Sterben bei der Hand.

ANTONIUS.

Sie ist listiger, als man's denken kann! –

ENOBARBUS.

Ach nein, Herr, nein; ihre Leidenschaften bestehn aus nichts, als aus den feinsten Teilen der reinen Liebe. Diese Stürme und Fluten können wir nicht Seufzer und Tränen nennen: das sind größere Orkane und Ungewitter, als wovon Kalender Meldung tun. List kann das nicht sein: wenn es ist, so macht sie ein Regenwetter so gut als Jupiter.

ANTONIUS.

Hätt' ich sie nie gesehen! –

ENOBARBUS.

O Herr, dann hättet Ihr ein wundervolles Meisterwerk ungesehn gelassen: Euch diese Freude versagen, würde Eure Reise um allen Kredit gebracht haben.

ANTONIUS.

Fulvia ist tot.

ENOBARBUS.

Herr?

ANTONIUS.

Fulvia ist tot.

ENOBARBUS.

Fulvia?

ANTONIUS.

Tot!

ENOBARBUS.

Nun, Herr, so bringt den Göttern ein Dankopfer! Wenn es ihrer himmlischen Regierung gefällt, einem Mann seine Frau zu nehmen, so gedenke er an die Schneider hier auf Erden, und beruhige sich damit, daß, wenn alte Kleider aufgetragen wurden, diese dazu gesetzt sind, neue zu machen. Gäbe es nicht mehr Weiber, als Fulvia, so wäre es allerdings ein Elend, und die Geschichte stände schlimm. Dieser Gram ist mit Trost gekrönt: aus Euerm alten Weiberhemd läßt sich ein neuer Unterrock machen: und in der Tat, die Tränen müssen in einer Zwiebel leben, die um diesen Kummer flössen.

ANTONIUS.

Die Unruh'n, die sie mir im Staat erregt,

Erlauben mir nicht mehr, entfernt zu sein.

ENOBARBUS.

Und die Unruhe, die Ihr hier erregt habt, erlaubt nicht, daß Ihr geht: besonders die der Cleopatra, die allein von Eurem Hiersein lebt.

ANTONIUS.

Nicht leichter Reden mehr! Unsern Beschluß

Tu' kund den Führern! Ich verständ'ge dann

Der Königin den Anlaß dieser Eil',

Urlaub von ihrer Liebe fordernd. Nicht allein

Der Fulvia Tod und andre ernste Mahnung

Ruft uns nachdrücklich; andre Briefe auch,

Von vielen wohlbemühten röm'schen Freunden,

Verlangen uns daheim. Sextus Pompejus

Hat Cäsarn Trotz geboten, und beherrscht

Das weite Meer: das wankelmüt'ge Volk

(Des Gunst nie fest dem Wohlverdienten bleibt,

Bis sein Verdienst vorüber) wirft nun schon,

Was je Pompejus nur, der Große, tat,

Auf seinen Sohn, der hoch in Macht und Namen,

Und höher noch durch Mut und Kraft ersteht,

Als Held des Heeres. Sein Ansehn, wächst es ferner,

Bedroht den Bau der Welt. – Viel brütet jetzt,

Das gleich dem Roßhaar nur erst Leben hat,

Noch nicht der Schlange Gift. – Geh und verkünde

Des Heers Hauptleuten, unser Wille fordre

Schleunigen Aufbruch aller!

ENOBARBUS.

Ich besorg' es.

Beide ab.

Dritte Szene

Es treten auf Cleopatra, Charmion, Iras und Alexas.


CLEOPATRA.

Wo ist er?

CHARMION.

Ich sah ihn nicht seitdem.

CLEOPATRA.

Sieh, wo er ist, wer mit ihm, was er tut

(Ich schickte dich nicht ab): find'st du ihn traurig,

Sag ihm, ich tanze; ist er munter, meld' ihm,

Ich wurde plötzlich krank. Schnell bring' mir Antwort!


Alexas ab.


CHARMION.

Fürstin, mir scheint, wenn Ihr ihn wirklich liebt,

Ihr wählt die rechte Art nicht, ihn zur Liebe

Zu zwingen.

CLEOPATRA.

Und was sollt' ich tun und lass' es?

CHARMION.

Gebt immer nach, laßt Euch von ihm nur führen!

CLEOPATRA.

Törichter Rat! Der Weg, ihn zu verlieren! –

CHARMION.

Versucht ihn nicht zu sehr; ich bitt', erwägt:

Wir hassen bald, was oft uns Furcht erregt.


Antonius kommt.


Doch seht, er kommt.

CLEOPATRA.

Ich bin verstimmt und krank.

ANTONIUS.

Es quält mich, meinen Vorsatz ihr zu sagen.

CLEOPATRA.

Hilf, liebe Charmion, hilf, ich sinke hin:

So kann's nicht dauern, meines Körpers Bau

Wird unterliegen.

ANTONIUS.

Teure Königin ...

CLEOPATRA.

Ich bitt' dich, steh mir nicht so nah! –

ANTONIUS.

Was gibt's?

CLEOPATRA.

Ich seh' in diesem Blick die gute Zeitung!

Was sagt die Eh'gemahlin? Geh nur, geh!

Hätte sie dir's doch nie erlaubt, zu kommen!

Sie soll nicht sagen, daß ich hier dich halte;

Was kann ich über dich? Der Ihre bist du!

ANTONIUS.

Die Götter wissen ...

CLEOPATRA.

Nie ward eine Fürstin

So schrecklich je getäuscht. Und doch, von Anfang

Sah ich die Falschheit keimen.

ANTONIUS.

Cleopatra ...

CLEOPATRA.

Wie soll ich glauben, du seist mein und treu,

Erschüttert auch dein Schwur der Götter Thron,

Wenn du Fulvia verrietst? Schwelgender Wahnsinn,

An solchen mundgeformten Eid sich fesseln,

Der schon im Schwur zerbricht! –

ANTONIUS.

Geliebte Fürstin ...

CLEOPATRA.

Nein, such' nur keine Färbung deiner Flucht!

Geh, sag Lebwohl: als du zu bleiben flehtest,

Da galt's zu sprechen: damals nichts von Gehn! –

In unserm Mund und Blick war Ewigkeit,

Wonn' auf den Brau'n, kein Tropfen Blut so arm,

Der Göttern nicht entquoll: und so ist's noch,

Oder, der größte Feldherr, du, der Welt,

Wurdest zum größten Lügner.

ANTONIUS.

Mir das! Wie!

CLEOPATRA.

Hätt' ich nur deine Sehnen, daß du sähst,

Auch in Ägypten gäb's ein Herz ...

ANTONIUS.

Vernimm,

Der Zeiten strenger Zwang heischt unsern Dienst

Für eine Weile: meines Herzens Summe

Bleibt dein hier zum Gebrauch. Unser Italien

Blitzt rings vom Bürgerstahl: Sextus Pompejus

Bedroht mit seinem Heer die Häfen Roms:

Die Gleichheit zweier heim'schen Mächte zeugt

Gefährliche Parteiung: – stark geworden,

Liebt man die sonst Verhaßten: der verbannte

Pompejus, reich durch seines Vaters Ruhm,

Schleicht in die Herzen aller, die im Staat

Jetzt nicht gedeihn, und deren Menge schreckt: –

Und Ruhe, krank durch Frieden, sucht verzweifelnd

Heilung durch Wechsel. Doch ein näh'rer Grund,

Und der zumeist mein Gehn Euch sollt' entschuld'gen,

Ist Fulvias Tod.

CLEOPATRA.

Wenn mich das Alter auch nicht schützt vor Torheit,

Doch wohl vor Kindischsein. Kann Fulvia sterben? –

ANTONIUS.

Geliebte, sie ist tot.

Sieh hier, in übermüß'ger Stunde lies

Die Händel, die sie schuf: zuletzt ihr Bestes,

Sieh, wann und wo sie starb!

CLEOPATRA.

O falsches Lieben.

Wo sind Phiolen, die du füllen solltest

Mit Tau des Grams? Nicht Fulvias Tod beweinen,

Zeigt mir, wie leicht du einst erträgst den meinen.

ANTONIUS.

Zanke nicht mehr. Nein, sei gefaßt zu hören,

Was ich für Plan' entwarf: sie stehn und fallen,

Wie du mir raten wirst. Ja, bei dem Feuer,

Das Nilus' Schlamm belebt, ich geh' von hier,

Dein Held, dein Diener: Krieg erklär' ich, Frieden,

Wie dir's gefällt.

CLEOPATRA.

Komm, Charmion, schnür' mich auf!

Nein, laß nur, mir wird wechselnd schlimm und wohl,

Ganz wie Antonius liebt.

ANTONIUS.

Still, teures Kleinod!

Gib beßres Zeugnis seiner Treu'; die strengste

Prüfung wird sie bestehn.

CLEOPATRA.

Das lehrt mich Fulvia!

O bitte, wende dich und wein' um sie,

Dann sag mir Lebewohl, und sprich: die Tränen

Sind für Ägypten: spiel' uns eine Szene

Ausbünd'ger Heuchelei, und mag sie gelten

Für echte Ehre! –

ANTONIUS.

Du erzürnst mich! Laß! –

CLEOPATRA.

Das geht schon leidlich: doch du kannst es besser.

ANTONIUS.

Bei meinem Schwert ...

CLEOPATRA.

Und Schild: – er spielt schon besser,

Doch ist's noch nicht sein Bestes. Sieh nur, Charmion,

Wie tragisch dieser röm'sche Herkules

Auffährt in seinem Grimm!

ANTONIUS.

So leb denn wohl!

CLEOPATRA.

Höflicher Herr, ein Wort:

Wir beide müssen scheiden, doch das ist's nicht, –

Wir beide liebten einst, – doch das ist's auch nicht, –

Das wißt Ihr wohl: – Was war's doch, das ich meinte?

O mein Gedächtnis ist recht ein Antonius,

Und ich bin ganz vergessen!

ANTONIUS.

Wär' nicht Torheit

Die Dien'rin deines Throns, so hielt' ich dich

Für Torheit selbst.

CLEOPATRA.

O schwere Müh' des Lebens,

Dem Herzen nahe solche Torheit tragen,

Wie diese ich! Doch, teurer Freund, vergib mir,

Denn Tod bringt mir mein Treiben, wenn es dir

Nicht gut ins Auge fällt. Dich ruft die Ehre,

Hör' denn auf meinen eiteln Wahnsinn nicht!

Und alle Götter mit dir! Siegeslorbeer

Kränze dein Schwert, und mühelos Gelingen

Bahne den Weg vor deinen Füßen!

ANTONIUS.

Komm;

Es flieht zugleich und weilet unsre Trennung:

Denn du, hier thronend, gehst doch fort mit mir,

Und ich, fortschiffend, bleibe doch mit dir. –

Hinweg!


Alle ab.

Vierte Szene

Rom. Ein Zimmer in Cäsars Hause.


Es treten auf Octavius Cäsar, Lepidus und Gefolge.


CÄSAR.

Ihr seht nun, Lepidus, und wißt hinfort,

Es ist nicht Cäsars neid'sche Art, zu hassen;

Den großen Mitbewerber. Aus Ägypten;

Schreibt man uns dies: er fischt und trinkt, verschwendet

Der Nächte Kerzen schwelgend, nicht mehr Mann

Als diese Kön'gin, noch Cleopatra

Mehr Weib als er. Kaum sprach er die Gesandten,

Noch dacht' er seiner Mitregenten. – In ihm seht

Den Mann, der alle Fehler in sich faßt,

Die jedermann verlocken.

LEPIDUS.

Doch denk' ich, hegt er

Nicht so viel Sünde, all sein Gut zu schwärzen: –

Denn seine Fehler, wie die Sterne, glänzen

Heller in schwarzer Nacht: sind angestammt

Mehr als erworben: unwillkürlich mehr,

Als freie Wahl.

CÄSAR.

Ihr seid zu duldsam. Sei es auch verzeihlich,

Sich auf des Ptolemäus Lager wälzen,

Mit Kronen zahlen einen Scherz, umtrinken

Zur Wette nach der Kunst mit jedem Sklaven,

Am hellen Tag die Stadt durchtaumeln, balgen

Mit Schuften, schweißbetrieft: das steh' ihm an

(Und dessen Anstand, traun, muß selten sein,

Den solches nicht entehrt): doch für Antonius

Gibt's kein Entschuld'gen seiner Schmach, wenn wir

So schwer an seinem Leichtsinn tragen. Füllt' er

Die leeren Stunden sich mit Wollust aus,

Vertrocknet Mark und Ekel zögen ihn

Zur Rechenschaft: – doch solche Zeit verwüsten,

Die ihn vom Schmerz wegtrommelt – und so laut,

Wie Weltherrschaft nur mahnt: das muß man schelten,

Wie man den Knaben schmält, der, wohlerfahren,

Einsicht der Lust des Augenblicks hinopfert,

Empört dem eignen Urteil.


Ein Bote tritt auf.


LEPIDUS.

Neue Botschaft! –

BOTE.

Erfüllt ist dein Gebot; zu jeder Stunde,

Erhabner Cäsar, sollst du Nachricht hören,

Wie's auswärts steht. Pompejus herrscht zur See,

Und wie es scheint, gewann er sich die Herzen,

Die Cäsarn nur gefürchtet. Zu den Häfen

Strömen die Mißvergnügten; höchst gekränkt

Nennt ihn die Menge.

CÄSAR.

Konnt' ich mir's doch denken! –

Vom ersten Anbeginn lehrt die Geschichte,

Daß, wer hoch steht, ersehnt wird, bis er stand!

Wer strandet – nie zuvor der Liebe wert –,

Teuer erscheint, wenn man ihn mißt: der Haufe,

Gleich einer Flagg' umtreibend in der Strömung,

Schwimmt vor, zurück, die Wechselfluten geißelnd,

Und ihn zerstört die Reibung.

BOTE.

Höre ferner:

Menecrates und Menas, mächtige Piraten,

Herrschen im Meer, und pflügen und verwunden's

Mit Kielen aller Art: manch frecher Einbruch

Verheert Italien: alles Volk der Küste

Erblaßt vor Schreck: die kühne Jugend zürnt,

Kein Segel taucht nur auf, es wird gekapert,

Wie man's erblickt: Pompejus' Name schadet

Mehr als sein Heer im offnen Krieg.

CÄSAR.

Antonius,

Laß deine üpp'gen Becher! Als geschlagen

Du zogst von Mutina, wo du die Konsuln

Hirtius und Pansa erst besiegt, da folgte

Der Hunger deinen Fersen: den bestandst du

(Obgleich so zart gewöhnt) mit mehr Geduld,

Als Wilde selbst vermöchten; ja, du trankst

Den Harn der Rosse und den falben Schlamm,

Der Vieh zum Ekel zwänge: dein Gaum verschmähte

Die herbste Beere nicht auf rauhster Hecke:

Ja, wie der Hirsch, wenn Schnee die Weide deckt,

Nagt'st du der Bäume Rinden: auf den Alpen

(Erzählt man) aßest du so ekles Fleisch,

Daß mancher starb, es nur zu sehn: und alles

(O Schande deinem Ruhm, daß ich's erzähle!)

Trugst du so heldenmütig, daß die Wange

Dir nicht einmal erbleichte.

LEPIDUS.

Schad' um ihn! –

CÄSAR.

Die Schande treib' ihn bald

Nach Rom zurück: Zeit wär's dem Zwillingspaar,

Daß wir im Feld uns zeigten: dem gemäß

Ruf' mir den Rat zusammen, denn Pompejus

Gedeiht durch unser Säumen.

LEPIDUS.

Morgen, Cäsar,

Werd' ich vermögend sein, dir zu berichten,

Was ich zu Meer und Land versammeln kann,

Die Stirn der Zeit zu bieten.

CÄSAR.

Bis dahin

Sei dies auch meine Sorge. Lebe wohl! –

LEPIDUS.

Lebt wohl denn, Cäsar! Meldet man Euch mehr,

Was sich im Ausland regt, ersuch' ich Euch,

Mir's mitzuteilen.

CÄSAR.

Zweifelt nicht daran,

Ich kenn's als meine Pflicht.


Alle ab.

Fünfte Szene

Alexandria. Ein Zimmer im Palast.


Es treten auf Cleopatra, Charmion, Iras und Mardian.


CLEOPATRA.

Charmion. ...

CHARMION.

Eu'r Hoheit?

CLEOPATRA.

Ach!

Gib mir Mandragora zu trinken!

CHARMION.

Wie?

CLEOPATRA.

Daß ich die große Kluft der Zeit durchschlafe,

Wo mein Antonius fort ist!

CHARMION.

Allzuviel

Denkt Ihr an ihn.

CLEOPATRA.

Du sprichst Verrat.

CHARMION.

O nein!

CLEOPATRA.

Du Hämling, Mardian!

MARDIAN.

Was gefällt Eu'r Hoheit?

CLEOPATRA.

Nicht jetzt dich singen hören: Nichts gefällt mir

An einem Hämling. Es ist gut für dich,

Daß ohne Saft und Mark dein freier Sinn

Nicht fliehn mag aus Ägypten. – Kannst du lieben?

MARDIAN.

Ja, gnäd'ge Fürstin.

CLEOPATRA.

In der Tat?

MARDIAN.

Nicht in der Tat: Ihr wißt, ich kann nichts tun,

Was in der Tat nicht ehrsam wird getan.

Doch fühl' ich heft'ge Trieb', und denke mir,

Was Venus tat mit Mars.

CLEOPATRA.

O liebe Charmion,

Wo denkst du dir ihn jetzt? Sag, steht er? sitzt er?

Wie, geht er wohl? Sitzt er auf seinem Pferd?

O glücklich Pferd, Antonius' Last zu tragen!

Sei stolz, mein Pferd! Weißt du wohl, wen du trägst?

Den halben Atlas dieser Erde, Schild

Und Schutz der Welt! – Jetzt spricht er, oder murmelt:

»Wo weilst du, meine Schlang' am alten Nil?«

Denn also nennt er mich. Jetzt weid' ich mich

Am allzusüßen Gift! Gedenke mein,

Ob auch von Phöbus' Liebesstichen braun

Und durch die Zeit gerunzelt! Als du hier

Ans Ufer tratst, breitstirn'ger Cäsar, war ich

Wert eines Königs: Held Pompejus stand

Und ließ sein Aug' auf meinen Brauen wurzeln;

Da warf sein Blick den Anker ein, er starb

Im Anschaun seines Lebens.


Alexas kommt.


ALEXAS.

Herrin Ägyptens, Heil!

CLEOPATRA.

Wie ganz unähnlich bist du Marc Anton!

Doch sahst du ihn: die köstliche Tinktur

Vergoldet dich mit ihrem Glanz.

Wie geht es meinem edlen Marc Anton?

ALEXAS.

Sein Letztes, Fürstin, war:

Er küßte – vieler Doppelküsse letzter –

Die Perle hier: sein Wort lebt mir im Herzen.

CLEOPATRA.

Von dort muß es mein Ohr sich pflücken.

ALEXAS.

»Freund«,

So sagt' er mir, »sprich du:

Der treue Römer schickt der großen Königin

Dies Kleinod einer Muschel: ihr zu Füßen,

Dies Nichts zu bessern, streu' ich Königreiche

Vor ihren üpp'gen Thron: der ganze Ost,

Sprich, soll sie Kön'gin nennen«: – nickt mir zu,

Und steigt gelassen auf sein hohes Streitroß,

Des helles Wiehern, was ich gern erwidert,

Zu tier'schem Schweigen brachte.

CLEOPATRA.

War er munter oder ernst?

ALEXAS.

Der Jahrszeit gleich, die auf der Mitte schwebt

Von heiß und kalt: er war nicht ernst noch munter.

CLEOPATRA.

O wohl geteilte Stimmung! O bemerk' ihn, Charmion!

Bemerk' ihn, Charmion, welch ein Mann! O merk' ihn!

Er war nicht ernst, denn die wollt' er beglänzen,

Die heiter sind durch ihn: er war nicht munter:

Dies schien zu sagen, sein Erinnern weile

Mit seiner Lust hier: sondern zwischen beiden.

O himmlische Vermischung! Ernst und munter,

Das Äußerste von beiden steht dir so,

Wie keinem Manne sonst. – Trafst du die Boten?

ALEXAS.

Ja, Fürstin, zwanzig auf demselben Wege;

Warum so dicht?

CLEOPATRA.

Wer an dem Tag geboren,

Wo ich vergaß an Marc Anton zu schreiben,

Der sterb' als Bettler! – Papier und Tinte, Charmion! –

Willkommen, mein Alexas! – Sag mir, Charmion,

Liebt' ich je Cäsarn so?

CHARMION.

Du edler Cäsar!

CLEOPATRA.

Erstick', wenn du den Ausruf wiederholst!

Sprich, edler Marc Anton!

CHARMION.

Der tapfre Cäsar! –

CLEOPATRA.

Bei Isis, deine Zähne werden bluten,

Wenn du mit Cäsarn irgend noch vergleichst

Den ersten aller Männer!

CHARMION.

Mit Vergunst,

Ich sing' in Euerm Tone.

CLEOPATRA.

Meine Milchzeit,

Als mein Verstand noch grün! – Du kaltes Herz,

Das noch wie damals fühlt! Doch eile nun;

Ein stündlich wiederholtes Liebeswort

Grüß' ihn von mir, entvölkr' ich auch Ägypten!


Alle ab.


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