Liebewohl

Berühmte Liebespaare: Antonius und Kleopatra

Vierter Aufzug

Erste Szene

Cäsars Lager bei Alexandrien.


Cäsar, einen Brief lesend, Agrippa, Mäcenas und andre treten auf.


CÄSAR.

Er nennt mich Knabe; schilt, als hätt' er Macht,

Mich von hier wegzuschlagen; meine Boten

Peitscht' er mit Ruten; bot mir Zweikampf an:

Anton dem Cäsar! Wiss' es, alter Raufer,

Es gibt zum Tod noch andre Weg'; indes

Verlach' ich seinen Aufruf.

MÄCENAS.

Denkt, o Cäsar,

Wenn ein so Großer rast, ward er gejagt

Bis zur Erschöpfung. Komm' er nicht zu Atem,

Nutzt seinen Wahnsinn: nimmer hat die Wut

Sich gut verteidigt.

CÄSAR.

Tut den Führern kund,

Daß morgen wir die letzte vieler Schlachten

Zu fechten denken! In den Reih'n der Unsern

Sind, die noch kürzlich dienten Marc Anton,

Genug, ihn einzufangen. Dies besorgt,

Und gebt dem Heer ein Mahl! Wir haben Vorrat,

Und sie verdienten's wohl. Armer Antonius! –


Gehn ab.

Zweite Szene

Alexandrien. Ein Zimmer im Palast.


Es treten auf Antonius, Cleopatra, Enobarbus, Cftarmion, Iras, Alexas und andre.


ANTONIUS.

Er schlug den Zweikampf aus, Domitius?

ENOBARBUS.

Ja.

ANTONIUS.

Und warum tat er's?

ENOBARBUS.

Er meinte, weil er zehnmal glücklicher,

Sei er zehn gegen einen.

ANTONIUS.

Morgen schlag' ich

Zu Meer und Land; dann leb' ich, oder bade

Die sterbende Ehre im Blute mir,

Das wieder Leben schafft. Wirst du brav einhaun?

ENOBARBUS.

Fechten und schrein: »Jetzt gilt's!« –

ANTONIUS.

Brav! Geh, mein Freund,

Ruf meine Hausbedienten! Diese Nacht

Seid fröhlich beim Gelag'! – Gib mir die Hand,

Du warst ehrlich und treu: und so auch du,

Und du, und du, und du: ihr dientet brav,

Und Kön'ge waren eure Kameraden.

CLEOPATRA.

Was soll das?

ENOBARBUS beiseit.

Solch seltsam Ding, wie Kummer sprossend treibt

Aus dem Gemüt.

ANTONIUS.

Und ehrlich bist auch du. –

Würd' ich in euch, die vielen, doch verwandelt,

Und ihr zusammen ausgeprägt zu einem

Antonius, daß ich euch könnte dienen,

So bündig, wie ihr mir!

DIENER.

Verhüt' es Gott!

ANTONIUS.

Gut denn, Kam'raden, heut bedient mich noch,

Füllt fleißig meine Becher; ehrt mich so,

Als wäre noch mein Weltreich eu'r Kam'rad,

Und folgsam meinem Ruf!

CLEOPATRA.

Was sinnt er nur?

ENOBARBUS.

Zum Weinen sie zu bringen.

ANTONIUS.

Pflegt mich heut:

Kann sein, es ist das eure letzte Pflicht!

Wer weiß, ob ihr mich wiederseht, und tut ihr's,

Ob nicht als blut'gen Schatten; ob nicht morgen

Ihr einem andern folgt. Ich seh' euch an,

Als nähm' ich Abschied. Ehrliche, liebe Freunde,

Ich stoß' euch nicht von mir, nein, bleib' eu'r Herr,

Vermählt bis in den Tod so treuem Dienst. –

Gönnt mir zwei Stunden noch, mehr bitt' ich nicht,

Und lohnen's euch die Götter! –

ENOBARBUS.

Herr, was macht Ihr,

Daß Ihr sie so entmutigt? Seht, sie weinen,

Ich Esel rieche Zwiebeln auch: ei, schämt Euch,

Und macht uns nicht zu Weibern! –

ANTONIUS.

Ha, ha, ha! –

So will ich doch verhext sein, meint' ich das!

Heil sprieße diesem Tränentau! Herzfreunde,

Ihr nehmt mich in zu schmerzensvollem Sinn,

Denn ich sprach euch zum Trost: ich wünschte ja,

Daß wir die Nacht durchschwärmten; wißt ihr, Kinder,

Ich hoff' auf morgen Glück, und will euch führen,

Wo ich ein siegreich Leben eh'r erwarte,

Als Tod und Ehre. Kommt zum Mahle, kommt,

Und alle Sorg' ertränkt!

Alle ab.

Dritte Szene

Daselbst vor dem Palast.


Zwei Soldaten auf ihrem Posten treten auf.


ERSTER SOLDAT.

Bruder, schlaf' wohl! Auf morgen ist der Tag.

ZWEITER SOLDAT.

Dann wird's entschieden, so oder so: leb wohl! –

Vernahmst du nichts Seltsames auf der Straße?

ERSTER SOLDAT.

Nichts. Was geschah?

ZWEITER SOLDAT.

Vielleicht ist's nur ein Märchen; –

Nochmals gut' Nacht!

ERSTER SOLDAT.

Gut' Nacht, Kam'rad!


Zwei andre Soldaten kommen.


ZWEITER SOLDAT.

Soldaten,

Seid ja recht wach!

DRITTER SOLDAT.

Ihr auch: gut' Nacht, gut' Nacht!


Die beiden ersten Soldaten stellen sich auf ihren

Posten.


VIERTER SOLDAT.

Hier stehn wir: wenn's nur morgen

Der Flotte glückt, so hoff' ich sehr gewiß,

Die Landmacht hält sich brav.

DRITTER SOLDAT.

Ein wackres Heer,

Voll Zuversicht.


Hoboen unter der Bühne.


VIERTER SOLDAT.

Still! welch ein Klingen?

ERSTER SOLDAT.

Horch!

ZWEITER SOLDAT.

Hört!

ERSTER SOLDAT.

In der Luft Musik?

DRITTER SOLDAT.

Im Schoß der Erde! –

VIERTER SOLDAT.

Das ist ein gutes Zeichen, meint ihr nicht?

DRITTER SOLDAT.

Nein!

VIERTER SOLDAT.

Stille, sag' ich. Was bedeutet das?

ZWEITER SOLDAT.

Gott Herkules, den Marc Anton geliebt,

Und der ihn jetzt verläßt.

ERSTER SOLDAT.

Kommt, laßt uns sehn,

Ob's auch die andern hörten!


Gehn zu den andern Posten.


ZWEITER SOLDAT.

Heda! Leute!

ALLE SOLDATEN.

Was ist das? Hört ihr's wohl?

ERSTER SOLDAT.

Ja, ist's nicht seltsam?

DRITTER SOLDAT.

Hört ihr, Kameraden? Hört ihr's jetzt?

ERSTER SOLDAT.

Folgt diesem Klang bis zu des Postens Grenze,

Seht, wie das abläuft!

ALLE SOLDATEN.

Ja, 's ist wunderbar! –


Gehn ab.

Vierte Szene

Daselbst. Ein Zimmer im Palast.


Antonius und Cleopatra, Charmion und anderes Gefolge treten auf.


ANTONIUS.

Eros! Die Rüstung, Eros!

CLEOPATRA.

Schlaf' ein wenig!

ANTONIUS.

Nein, Täubchen! Eros, komm; die Rüstung, Eros! –


Eros kommt mit der Rüstung.


Komm, lieber Freund, leg' mir dein Eisen an!

Wenn uns Fortuna heut verläßt, so ist's,

Weil wir ihr trotzten.

CLEOPATRA.

Sieh, ich helfe auch.

Wozu ist dies?

ANTONIUS.

Ah, laß doch! laß! Du bist

Der Wappner meines Herzens. Falsch; so, so! –

CLEOPATRA.

Geh, still; ich helfe doch: – so muß es sein.

ANTONIUS.

Gut, gut;

Nun sieg' ich sicher. Siehst du, mein Kam'rad? –

Nun geh und rüst' dich auch!

EROS.

Sogleich, mein Feldherr. –

CLEOPATRA.

Ist dies nicht gut geschnallt?

ANTONIUS.

O herrlich! herrlich!

Wer dies aufschnallt, bis es uns selbst gefällt,

Es abzutun zur Ruh', wird Sturm erfahren. –

Du fuschelst, Eros: kräft'gern Knappendienst

Tut meine Kön'gin hier, als du. Mach' fort!

O Liebe,

Sähst du doch heut mein Kämpfen, und verständest

Dies Königshandwerk, dann erblicktest du

Als Meister mich.


Ein Hauptmann tritt auf, gerüstet.


Guten Morgen dir! Willkommen!

Du siehst dem gleich, der Krieges-Amt versteht:

Zur Arbeit, die uns lieb, stehn früh wir auf,

Und gehn mit Freuden dran.

ERSTER HAUPTMANN.

Schon tausend, Herr,

So früh es ist, stehn in dem Kleid von Eisen

Und warten dein am Strand.


Feldgeschrei, Kriegsmusik, Trompeten.


Andre Hauptleute und Soldaten treten auf.


ZWEITER HAUPTMANN.

Der Tag ist schön. Guten Morgen, General!

ALLE.

Guten Morgen, General!

ANTONIUS.

Ein edler Gruß! –

Früh fängt der Morgen an, so wie der Geist

Der Jünglings, der sich zeigen will der Welt. –

So, so; kommt, gebt mir das; hieher: – so recht. –

Fahr' wohl denn, Frau; wie es mir auch ergeht,

Nimm eines Kriegers Kuß! Man müßte schelten,

Und Scham die Wange röten, weilt' ich länger

In müß'gem Abschied. Und so lass' ich dich,

Ein Mann von Stahl! Ihr, die ihr kämpfen wollt,

Folgt mir ganz dicht; ich führ' euch hin. Lebt wohl! –


Antonius, Eros, Hauptleute und Soldaten ab.


CHARMION.

Wollt Ihr in Eu'r Gemach gehn?

CLEOPATRA.

Führe mich! –

Er zieht hin wie ein Held. Oh, daß sich beiden

Der große Streit durch Zweikampf könnt' entscheiden!

Dann, Marc Anton ... doch jetzt, – Gut – fort! –

Fünfte Szene

Antonius' Lager bei Alexandrien.


Trompeten. Antonius und Eros treten auf; ein Soldat begegnet ihnen.


SOLDAT.

Gebt heut, ihr Götter, dem Antonius Glück!

ANTONIUS.

Hätt'st du und deine Narben mich bestimmt,

Damals zu Land zu schlagen! ...

SOLDAT.

Tatst du so,

Die abgefallnen Kön'ge und der Krieger,

Der diesen Morgen dich verließ, sie folgten

Noch deinen Fersen.

ANTONIUS.

Wer ging heut morgen?

SOLDAT.

Wer?

Dir stets der Nächste: Ruf' den Enobarbus,

Er hört nicht, oder spricht aus Cäsars Lager:

»Nicht dir gehör' ich an.«

ANTONIUS.

Was sagst du?

SOLDAT.

Herr,

Er ist beim Cäsar.

EROS.

Seine Schätz' und Kisten

Nahm er nicht mit sich.

ANTONIUS.

Ist er fort?

SOLDAT.

Gewiß.

ANTONIUS.

Geh, Eros; send' ihm nach den Schatz! Besorg' es,

Behalte nichts zurück, befehl' ich; meld' ihm

(Ich unterschreib' es) Freundes Gruß und Abschied,

Und sag', ich wünsch', er finde nie mehr Grund,

Den Herrn zu wechseln. Oh, mein Schicksal hat

Auch Ehrliche verführt! Geh! –Enobarbus! –


Gehn ab.

Sechste Szene

Cäsars Lager bei Alexandrien.


Trompetenstoß. Es treten auf Cäsar, Agrippa, Enobarbus und andre.


CÄSAR.

Rück' aus, Agrippa, und beginn' die Schlacht!

Anton soll lebend mir gefangen sein:

So tu' es kund!

AGRIPPA.

Cäsar, wie du befiehlst.


Ab.


CÄSAR.

Die Zeit des allgemeinen Friedens naht,

Und sieg' ich heut, dann sproßt von selbst der Ölzweig

Der dreigeteilten Welt.


Ein Bote tritt auf.


BOTE.

Antonius' Heer

Rückt an zur Schlacht. –

CÄSAR.

Geh hin und heiß' Agrippa,

Dir Überläufer vorn ins Treffen stellen,

Daß auf sich selbst Antonius seine Wut

Zu richten scheine!


Cäsar und Gefolge ab.


ENOBARBUS.

Alexas wurde treulos: in Judäa,

Wohin Antonius ihn geschickt, verführt' er

Herodes, sich zum Cäsar hinzuneigen,

Abtrünnig seinem Herrn. Für diese Müh'

Hat Cäsar ihn gehängt. Canidius und die andern,

Die übergingen, haben Rang und Stellen,

Nicht ehrendes Vertraun. Schlecht handelt' ich,

Und das verklagt mich mit so bitterm Schmerz,

Daß nichts mich freut.


Einer von Cäsars Soldaten tritt auf.


SOLDAT.

Enobarbus, Marc Anton

Hat deinen ganzen Schatz dir nachgesandt

Mit seiner Liebe. – Zu meinem Posten kam

Der Bote; der ist jetzt vor deinem Zelt

Und lädt die Mäuler ab. –

ENOBARBUS.

Ich schenk' es dir! –

SOLDAT.

Spotte nicht, Enobarbus:

Ich rede wahr. Schaff' nur in Sicherheit

Den Boten fort; ich muß auf meinen Posten,

Sonst hätt' ich's selbst getan. Dein Imperator

Bleibt doch ein Zeus! –


Geht ab.


ENOBARBUS.

Ich bin der einz'ge Bösewicht auf Erden

Und fühl' es selbst am tiefsten. O Anton,

Goldgrube du von Huld, wie zahltest du

Den treuen Dienst, wenn du die Schändlichkeit

So krönst mit Gold! Dies schwellt mein Herz empor;

Bricht's nicht ein schneller Gram, soll schnellres Mittel

Dem Gram voreilen; doch Gram, ich fühl's, genügt.

Ich föchte gegen dich? Nein, suchen will ich

'nen Graben, wo ich sterben mag. – Der schmählichste

Ziemt meiner letzten Tat am besten.


Ab.

Siebente Szene

Schlachtfeld zwischen den Lagern.


Schlachtgeschrei. Trommeln und Trompeten. Agrippa und andre treten auf.


AGRIPPA.

Zurück! Wir haben uns zu weit gewagt:

Selbst Cäsar hat zu tun; der Widerstand

Ist stärker, als wir dachten.


Gehn ab.


Schlachtgeschrei. Es treten auf Antonius und Scarus, verwundet.


SCARUS.

O tapfrer Imperator! das hieß fechten!

Schlugen wir so zuerst, wir jagten sie

Mit blut'gen Köpfen heim.

ANTONIUS.

Du blutest sehr.

SCARUS.

Hier dieser Hieb glich anfangs einem T,

Nun ward daraus ein H.

ANTONIUS.

Sie ziehn zurück!

SCARUS.

Wir jagen sie bis in die Kellerlöcher:

Ich habe Platz noch für sechs Schmarren mehr.


Eros tritt auf.


EROS.

Sie sind geschlagen, Herr, und unser Vorteil

Ist gleich dem schönsten Sieg.

SCARUS.

Kerbt ihre Rücken,

Und greift sie an den Fersen auf, wie Hasen;

Die Memmen klopfen ist ein Spaß.

ANTONIUS.

Dir lohn' ich

Erst für dein kräft'ges Trostwort, zehnfach dann

Für deinen Mut. Nun komm!

SCARUS.

Ich hinke nach.


Alle ab.

Achte Szene

Unter den Mauern von Alexandrien.


Schlachtgeschrei. Antonius im Anmarsch; mit ihm Scarus und Fußvolk.


ANTONIUS.

Wir schlugen ihn ins Lager. Einer laufe,

Der Kön'gin meld' er unsre Gäste. Morgen,

Eh' Sonn' uns sieht, vergießen wir das Blut,

Das heut uns noch entkam. Ich dank' euch allen;

Denn tücht'ge Hände habt ihr, fochtet nicht,

Als dientet ihr der Sache, nein, als wär' sie

Wie meine, jedes eigne: Alle wart ihr Hektors.

Zieht in die Stadt, herzt eure Freund' und Weiber,

Rühmt eure Tat, laßt sie mit Freudentränen

Eu'r Blut abwaschen, eure Ehrenwunden

Gesund euch küssen!


Zum Scarus.


Gib mir deine Hand!


Cleopatra tritt auf mit Gefolge.


Der großen Fee laß mich dein Lob verkünden,

Ihr Dank soll dich besel'gen! Tag der Welt,

Umschließ' den erznen Hals, spring', Schmuck und alles,

Durch festen Harnisch an mein Herz, und dort

Siegprang' auf seinem Klopfen! –

CLEOPATRA.

Herr der Herrn! –

O unbegrenzter Mut! Kommst du so lächelnd

Und frei vom großen Netz der Welt?

ANTONIUS.

O Nachtigall,

Wir schlugen sie zu Bett! Ha, Kind! Ob Grau

Sich etwas mengt ins junge Braun, doch blieb uns

Ein Hirn, das unsre Nerven nährt, den Preis

Und Kampf der Jugend abgewinnt. Schau diesen,

Reich' seinen Lippen deine Götterhand:

Küss' sie, mein Krieger: der hat heut gefochten,

Als ob ein Gott, dem Menschenvolk verderblich,

In der Gestalt es würgte.

CLEOPATRA.

Du bekommst

'ne Rüstung ganz von Gold: ein König trug sie!

ANTONIUS.

Er hat's verdient: wär' sie auch voll Karfunkeln,

Wie Phöbus' heil'ger Wagen. – Deine Hand!

Durch Alexandrien in freud'gem Marsch

Tragt den zerhackten Schild, wie's Helden ziemt:

Hätt' unser großer Burghof Raum genug

Für dieses Heer, wir zechten dort zu Nacht

Und tränken auf des nächsten Tages Glück

Und königliche Todsgefahr. Drommeten,

Betäubt mit erznem Schall das Ohr der Stadt,

Mischt euch mit unsrer Trommeln Wirbelschlag,

Daß Erd' und Himmelsschall zusammen dröhnen,

Und unsre Ankunft grüßen!


Gehn ab.

Neunte Szene

Cäsars Lager.


Schildwachen auf ihren Posten. Enobarbus tritt auf.


ERSTER SOLDAT.

Sind wir nicht abgelöst in einer Stunde,

So müssen wir zurück zur Wacht. Der Mond

Scheint hell, und wie es heißt, beginnt die Schlacht

Früh um die zweite Stunde.

ZWEITER SOLDAT.

Gestern war

Ein schlimmer Tag für uns! –

ENOBARBUS.

Nacht, sei mein Zeuge!

DRITTER SOLDAT.

Wer ist der Mann?

ZWEITER SOLDAT.

Sei still und horch' auf ihn!

ENOBARBUS.

Bezeuge mir's, o segenreicher Mond,

Wenn einst die Nachwelt treuvergeßner Männer

Mit Haß gedenkt, – der arme Enobarbus

Bereut vor deinem Antlitz.

ERSTER SOLDAT.

Enobarbus!

DRITTER SOLDAT.

Still da! horcht weiter! –

ENOBARBUS.

Du höchste Herrscherin wahrhafter Schwermut,

Den gift'gen Tau der Nacht geuß über mich,

Daß Leben, meinem Willen längst empört,

Nicht länger auf mir laste! Wirf mein Herz

Wider den harten Marmor meiner Schuld!

Gedörrt von Gram zerfall' es dann in Staub,

Mit ihm der böse Sinn! O Marc Antonius,

Erhabner, als mein Abfall schändlich ist,

Vergib du mir in deinem eignen Selbst,

Doch laß die Welt mich zeichnen in die Reih'n

Der flücht'gen Diener und der Überläufer! –

O Marc Anton! O Marc Anton! –


Er stirbt.


ZWEITER SOLDAT.

Kommt, redet

Ihn an!

ERSTER SOLDAT.

Nein, horcht: denn was er sagt,

Kann Cäsarn angehn.

ZWEITER SOLDAT.

Du hast recht. Doch schläft er.

ERSTER SOLDAT.

Liegt wohl in Ohnmacht; denn so schlimmes Beten

Ging keinem Schlaf voran.

ZWEITER SOLDAT.

Gehn wir zu ihm!

DRITTER SOLDAT.

Erwacht, erwacht, Herr! Redet!

ZWEITER SOLDAT.

Hört Ihr, Herr?

ERSTER SOLDAT.

Die Hand des Tods ergriff ihn. Hört! die Trommel

Weckt feierlich die Schläfer; kommt und tragt ihn

Zur Wach': er ist von Ansehn. Unsre Stunde

Ist abgelaufen.

DRITTER SOLDAT.

Nun so kommt; vielleicht

Erholt er sich.


Gehn ab und tragen den Körper fort.

Zehnte Szene

Zwischen den zwei Lagern.


Es treten auf Antonius und Scarus mit Truppen.


ANTONIUS.

Heut rüsten sie sich auf den Kampf zur See,

Zu Land gefall'n wir ihnen nicht.

SCARUS.

Herr, nirgend! –

ANTONIUS.

Und kämpften sie in Feuer oder Luft,

Wir föchten auch dort. Doch so sei's: das Fußvolk

Dort auf den Hügeln, so die Stadt begrenzen,

Zieht her zu mir; zur See befahl ich ihnen,

Den Hafen zu verlassen. Nun hinan,

Wo ihre Stellung wird erspäht am besten

Und jegliche Bewegung!


Gehn weiter.



Cäsar kommt mit seinen Truppen.


CÄSAR.

Greift er nicht an (und kaum vermut' ich es),

So bleibt zu Lande ruhig: seine Hauptmacht

Entsandt' er auf die Schiffe. Nun zur Nied'rung,

Und haltet euch aufs beste!


Gehn ab.


Antonius und Scarus kommen zurück.


ANTONIUS.

Noch nicht zum Kampf geschart! Dort bei der Fichte

Kann ich's ganz übersehn: gleich meld' ich dir,

Wie es sich anläßt.


Ab.


SCARUS.

Schwalben nisteten

In den ägypt'schen Segeln. Unsre Augurn

Verstummen, woll'n nichts wissen, sind verstört,

Und scheun zu reden, was sie sahn. Antonius

Ist mutig und verzagt, und fieberhaft

Gibt sein zerstörtes Glück ihm Furcht und Hoffnung

Des, was er hat und nicht hat.


Schlachtgetöse in der Ferne, wie von einem Seetreffen. Antonius kommt zurück.

ANTONIUS.

Alles hin!

Die schändliche Ägypterin verriet mich;

Dem Feind ergab sich meine Flotte: dort

Schwenken sie ihre Mützen, zechen sie,

Wie Freunde lang getrennt. Dreifache Hure!

Du hast dem Knaben mich verkauft! Mein Herz

Führt Krieg mit dir allein. – Heiß' alle fliehn!

Denn wenn ich mich gerächt an meinem Zauber,

Bin ich zu Ende: Geh! heiß' alle fliehn! –


Scarus ab.


O Sonne! Nimmer seh' ich deinen Aufgang!

Ich und Fortuna scheiden hier: – hier grade schütteln

Die Hand wir uns! Kam es dahin? Die Herzen,

Die hündisch mir gefolgt, die jeden Wunsch

Von mir verlangten,

Die schmelzen hin und tauen ihre Huld

Auf den erblüh'nden Cäsar;

Und abgeschält nun steht die Fichte da,

Die alle überragt! Ich bin verkauft!

O falsch ägyptisch Herz! o tiefer Zauber!

Du winkt'st mein Heer zum Krieg, du zogst es heim,

Dein Busen war mein Diadem, mein Ziel,

Und du, ein echt Zigeunerweib, betrogst mich

Beim falschen Spiel um meinen ganzen Einsatz!

He, Eros! Eros!


Cleopatra kommt.


Ah, du Blendwerk! Fort!

CLEOPATRA.

Was tobt mein Freund so gegen die Geliebte?

ANTONIUS.

Entfleuch, sonst zahl' ich dir verdienten Lohn

Und schände Cäsars Siegszug. Nehm' er dich;

Hoch aufgestellt den jauchzenden Plebejern,

Folg' seinem Wagen als der größte Fleck

Des Frau'ngeschlechts! – Laß dich als Monstrum zeigen

Den schäbigsten Gesell'n und Tölpeln; laß

Die sanfte Octavia dein Gesicht zerfurchen

Mit scharfen Nägeln!


Cleopatra ab.


– Gut, daß du gegangen,

Wenn's gut ist, daß du lebst; doch besser war's,

Du fielest meiner Wut: der einen Tod

Erhielt' am Leben viele. – Eros, ha!

Des Nessus Hemd umschließt mich! Lehre mich,

Alcides, großer Ahnherr, deine Wut:

Laß mich ans Horn des Monds den Lichas schleudern,

Und diese Hand, die Riesenkeulen schwang,

Mein edles Selbst zerstören! Tod der Zaub'rin!

Dem Buben Roms gab sie mich preis; ich falle

Durch diesen Trug: drum Tod ihr! – Eros, ho! –


Ab.

Elfte Szene

Alexandrien. Zimmer im Palast.


Cleopatra, Charmion, Iras und Mardian treten auf.


CLEOPATRA.

Helft mir! Oh, er rast mehr als Telamon

Um seinen Schild; der Eber von Thessalien

Hat niemals so geschäumt.

CHARMION.

Zum Monument!

Da schließt Euch ein, meldet ihm Euern Tod!

Mehr schmerzt das Scheiden nicht von Seel' und Leib,

Als Größe, die uns abfällt.

CLEOPATRA.

Hin zum Grabmal!

Mardian, geh, sag ihm, ich erstach mich selbst;

Sag ihm, mein letztes Wort war »Marc Anton«;

Und recht wehmütig sprich's: ich bitt' dich! Geh,

Mardian, und melde mir, wie er es nimmt!

Zum Monument!


Alle ab.

Zwölfte Szene

Daselbst. Ein anderes Zimmer. Antonius und Eros treten auf.


ANTONIUS.

Eros, siehst du mich noch?

EROS.

Ja, hoher Feldherr.

ANTONIUS.

Oft sehn wir eine Wolke, drachenhaft,

Oft Dunstgestalten gleich dem Leu, dem Bär,

Der hochgetürmten Burg, dem Felsenhang,

Gezackter Klipp' und blauem Vorgebirg',

Mit Bäumen drauf, die nicken auf die Welt,

Mit Luft die Augen täuschend: solche Zeichen sahst du,

Des dunkeln Abends Prachtgebilde.

EROS.

Ja,

Mein edler Herr.

ANTONIUS.

Was jetzt ein Pferd noch war, im nächsten Nu

Verschwemmt's der Wolkenzug, unkenntlich wird's,

Wie Wasser ist im Wasser. –

EROS.

Ja, so ist's.

ANTONIUS.

Mein guter Freund, solch einem Bilde gleicht

Dein Feldherr jetzt. Noch bin ich Marc Anton;

Doch bleibt mir nicht, mein Freund, dies Lebensbild.

Der Krieg war für Ägypten, – und die Königin –

Ihr Herz, wähnt' ich, war mein, denn meins war ihr –,

Und als es mein, da zog's Millionen andre

Mir nach, die jetzt dahin, – sie hat, mit Cäsarn

Die Karten mischend, falsch ihm meinen Ruhm,

Dem Triumph des Feindes zugespielt!

Nein, lieber Eros! Weine nicht! Es blieb noch

Ich selbst, mit mir zu enden. Oh, die Arge! –


Mardian kommt.


Sie hat mein Schwert gestohlen!

MARDIAN.

Nein, Antonius,

Meine Herrin liebte dich, und knüpft' ihr Schicksal

An deines fest.

ANTONIUS.

Fort, schnöder Hämling, schweig'!

Verraten hat sie mich, und sie soll sterben.

MARDIAN.

Den Tod kann jeder Mensch nur einmal zahlen;

Sie hat die Schuld getilgt. Was du gewollt,

Ist schon vollbracht. Ihr letztes Wort im Leben

War »Marc Antonius, edler Marc Anton!« –

Dann brach ein stöhnend Ächzen mitten durch

Das Wort Antonius; es blieb geteilt

So zwischen Herz und Lippen: sie verschied,

Und ward des Namens Grab.

ANTONIUS.

Tot also?

MARDIAN.

Tot.

ANTONIUS.

– Eros, entwaffne mich:

Des langen Tages Arbeit ist getan,

Ich geh' zur Ruh'. Daß du in Frieden ziehn magst,

Zahlt reichlich deinen Gang. Fort! Ab! Reiß' ab! –


Mardian geht.


Nicht Ajax' siebenfält'ger Schild bewahrte

Vor diesem Sturm mein Herz. O brecht, ihr Seiten!

Herz, diesmal stärker sei als deine Hülle,

Spreng' dein zerbrechlich Haus! Schnell, Eros, schnell!

Kein Krieger mehr! Lebt wohl, zerschlagne Waffen,

Ihr dientet mir mit Ehren. – Geh ein Weilchen! –

Eros ab.


Ich hole bald dich ein, Cleopatra,

Und weine um Verzeihung: also sei's!

Aufschub ist Folter; weil dein Licht erlosch,

Ruh' aus, schweife nicht länger: Jetzt verdirbt

Alles Bemühn das Werk: Kraft selber wird verstrickt

Durch Kraft ... Drum zugesiegelt, dann ist's gut! –

Eros! – ich komme, Kön'gin! Eros! – Weile noch:

Wo Seelen ruhn auf Blumen, wandeln wir,

Daß Geister staunen unserm freud'gen Gang,

Dido und ihr Äneas stehn verlassen,

Und alles schwärmt uns nach. Komm, Eros! Eros!


Eros kommt zurück.


EROS.

Was ruft mein Herr?

ANTONIUS.

Seit sie vorangegangen,

Lebt' ich in solcher Schmach, daß meine Feigheit

Den Göttern ward zum Abscheu. Ich, des Schwert

Die Welt geteilt, der auf des Meeres Wogen

Schiffe zu Städten schuf, bin nun verdammt,

Dem Weib an Mut zu weichen, minder kühn

Als sie, die sterbend unserm Cäsar sagt:

»Ich überwand mich selbst.« Du schwurst mir, Eros,

Käm' es zum Äußersten – (und wahrlich, jetzt

Kam es so weit), und säh' ich hinter mir

Die unvermeidliche Verfolgung

Von Schmach und Schande: dann, auf mein Geheiß,

Wollt'st du mich töten. Tu's! die Zeit ist da!

Nicht triffst du mich, – den Cäsar schlägst du nieder.

Ruf' Farb' auf deine Wangen!

EROS.

Götter! Nein!

Sollt' ich das tun, was alle Partherspeere,

Ob feindlich, nicht vermocht, ihr Ziel verfehlend?

ANTONIUS.

Mein Eros,

Möcht'st du am Fenster stehn im großen Rom,

Und deinen Feldherrn schaun, verschränkt den Arm,

Geneigt den unterjochten Hals, sein Antlitz

Durchglüht von Scham, indes der Siegerwagen

Des freud'gen Cäsar auf des Folgers Feigheit

Ein Brandmal drückte?

EROS.

Nimmer möcht' ich's schaun.

ANTONIUS.

So komm, mit einer Wunde heilst du mich.

Zieh' dies dein wackres Schwert, das du geführt

So nützlich für dein Land!

EROS.

O Herr, verzeiht mir!

ANTONIUS.

Als ich dich frei ließ, schwurst du's damals nicht,

Zu tun, wenn ich's verlangte? Tu's mit eins,

Sonst wird dein früh'rer treuer Dienst durchaus

Gedankenloser Zufall. Zieh', und schnell!

EROS.

So wende denn von mir das edle Antlitz,

Aus dem die Majestät des Weltalls blickt!

ANTONIUS.

Wohlan!


Wendet sich ab.


EROS.

Ich zog das Schwert.

ANTONIUS.

Vollende dann mit eins,

Weshalb du's zücktest!

EROS.

Mein geliebter Herr,

Mein Held, mein Imperator! Nun sag' ich

Vor diesem blut'gen Streich dir Lebewohl!

ANTONIUS.

Du sprachst es, Lieber; leb denn wohl! –

EROS.

Leb wohl, mein Feldherr! Stoß' ich jetzt?

ANTONIUS.

Ja, Eros.

EROS.

Nun, so dann: so entrinn' ich denn der Qual,

Antonius' Tod zu sehn.


Fällt in sein Schwert.


ANTONIUS.

Oh, dreimal edler du als ich!

Du lehrtest mich, mein tapfrer Eros, was

Ich sollt' und du nicht konntest. Meine Königin

Und du, ihr mahntet durch eu'r großes Beispiel

Mich an den alten Mut. Nun will ich sein

Ein Bräutigam dem Tod, und zu ihm eilen

Wie zu der Liebsten Bett. Wohlan! Und Eros,

Dein Meister stirbt dein Schüler: das zu tun


fällt in sein Schwert


Lernt' ich von dir ... Was? – Nicht tot? Nicht tot? Wache!

Oh, endet nun mit mir! –


Dercetas kommt mit Wache.


ERSTE WACHE.

Was für ein Lärm?

ANTONIUS.

Ich machte schlecht mein Werk: vollendet, Freunde,

Was ich begonnen!

ZWEITE WACHE.

Unser Stern ging unter!

[ERSTE WACHE].

Und unsre Zeit ist aus!

ALLE.

Weh allen! Weh! –

ANTONIUS.

Oh, wer mich lieb hat, töte mich!

ERSTE WACHE.

Nicht ich.

ZWEITE WACHE.

Ich auch nicht.

DRITTE WACHE.

Keiner hier!


Wachen gehn ab.


DERCETAS.

Dein Tod und Schicksal scheucht die Freunde weg.

Cäsarn dies Schwert mit dieser Post nur zeigen,

Verschafft mir Würden.


Diomedes tritt auf.


DIOMEDES.

Wo ist Anton?

DERCETAS.

Hier, Diomed.

DIOMEDES.

Lebt er?

Willst du nicht Antwort geben?


Dercetas geht.


ANTONIUS.

Diomed, bist du's? Oh, zieh' dein Schwert und gib mir

Den Todesstreich!

DIOMEDES.

Erhabenster Gebieter,

Cleopatra, meine Fürstin, sandte mich.

ANTONIUS.

Wann schickte sie?

DIOMEDES.

Jetzt eben, Herr.

ANTONIUS.

Wo ist sie?

DIOMEDES.

In ihrem Grabmal. Ein prophetisch Ahnen

Weissagt' ihr, was geschehn. Denn als sie sah

(Was nimmer sich bewähren wird) Euch mißtraun,

Sie halt' es mit dem Cäsar, und Eu'r Grimm

Sei nicht zu sänft'gen, gab sie sich für tot;

Dann, fürchtend, wie Ihr's tragen möchtet, hieß sie

Mich, Euch die Wahrheit künden: doch ich kam

Zu spät, besorg' ich.

ANTONIUS.

Zu spät, mein Diomed. Ruf' mir die Wache! –

DIOMEDES.

He, he! Des Feldherrn Wache! Wache, he!

Kommt, eu'r Gebieter ruft.


Einige von der Wache kommen zurück.


ANTONIUS.

Tragt mich zur Kön'gin, meine guten Freunde:

Dies ist der letzte Dienst, den ich verlange.

ERSTE WACHE.

Weh' über uns! Daß Ihr nicht überlebt

All Eure treuen Diener!

ALLE.

Tag des Jammers!

ANTONIUS.

Nein, Kinder, schmeichelt nicht dem argen Schicksal,

Gönnt ihm nicht euren Kummer: heißt willkommen,

Was uns als Strafe naht, so strafet ihr's,

Indem ihr's leicht ertragt. Nun hebt mich auf!

Ich führt' euch oft: nun tragt mich, liebe Freunde,

Und nehmt für alles Dank! –


Sie tragen den Antonius weg.

Dreizehnte Szene

Daselbst. Ein Monument.


Cleopatra, Charmion und Iras erscheinen oben auf dem Monument.


CLEOPATRA.

O Charmion, ich will nie von hier mehr gehn.

CHARMION.

O tröstet Euch, Verehrte!

CLEOPATRA.

Nein, ich will nicht;

Entsetzen sei und Schrecknis mir willkommen,

Doch Trost verschmähn wir: unsres Schmerzes Größe,

Der Ursach' gleich gemessen, sei so furchtbar,

Als was ihn uns erregt.


Diomedes tritt auf.


Sprich, ist er tot?

DIOMEDES.

Sein Tod schwebt über ihm, doch lebt er noch.

Schaut nur nach jener Seite Eures Grabmals,

Dort bringt ihn schon die Wache.


Antonius wird von der Wache hereingetragen.

CLEOPATRA.

O du Sonne,

Verbrenne deine Sphäre! Nacht, steh fest

Auf wechselnden Weltfluren! O Antonius,

Anton, Anton! O Charmion, hilf, hilf, Iras,

Helft, Freunde, unten. Zieht herauf ihn!

ANTONIUS.

Still!

Nicht Cäsars Kraft besiegte Marc Anton,

Nein, Marc Anton erlag sich selber nur!

CLEOPATRA.

So mußt' es sein; Antonius konnt' allein

Anton bewältigen: doch weh dem Tag!

ANTONIUS.

Ich sterb', Ägypten, sterbe; nur ein Weilchen

Lass' ich den Tod noch warten, bis ich dir

Von so viel tausend Küssen den armen letzten

Auf deine Lippen drückte.

CLEOPATRA.

Ich wag' es nicht, –

O teurer Herr, vergib! – Ich wag' es nicht,

Sie fahn mich sonst. Nein! nicht das Siegsgepränge

Des hochbeglückten, übermüt'gen Cäsar

Zier' ich jemals. Bleibt Messern, Giften, Schlangen

Nur Schärfe, Kraft und Stachel, bin ich sicher.

Eu'r Weib Octavia mit dem kalten Blick

Und stillem Gleichmut soll nicht Ehr' empfangen,

Indem sie streng mich ansieht. Komm, Antonius,

Helft, meine Frau'n, wir ziehn dich hier herauf;

Faßt alle an!

ANTONIUS.

O schnell, sonst bin ich hin.

CLEOPATRA.

O seltsam Spiel! Wie schwer du wiegst, Geliebter!

All unsre Stärke ging in Schwermut unter,

Das mehrt die Last. Hätt' ich der Juno Macht,

Merkur, der Kraftbeschwingte, höbe dich,

Und setzte dich an Jovis Seite. Komm nur!

Wünschen war nimmer Torheit: komm, komm, komm:

Willkommen, willkommen! Stirb nun, wo du lebtest,

Leb' auf im Kuß! Vermöchten das die Lippen,

Wegküssen sollt'st du sie! –

ALLE.

O jammervoll!

ANTONIUS.

Ich sterb', Ägypten, sterbe! –

Reicht mir ein wenig Wein, daß ich noch rede! –

CLEOPATRA.

Nein, laß mich reden, laß so laut mich schelten,

Bis sie, gekränkt, das falsche Weib Fortuna,

Ihr spinnend Rad zerbricht.

ANTONIUS.

Ein Wort, Geliebte:

Beim Cäsar such' dir Schutz und Ehre ... Oh!

CLEOPATRA.

Die gehn nicht mit einander.

ANTONIUS.

Hör' mich, Liebe:

Von Cäsars Volk trau' nur dem Proculejus!

CLEOPATRA.

Ich trau' auf meinen Mut und meine Hand,

Keinem von Cäsars Volk.

ANTONIUS.

Den jammervollen Wechsel und mein Sterben –

Beweint, beklagt sie nicht; stärkt Eu'r Gedächtnis

An der Erinn'rung meines frühern Glücks,

Das mich erhob zum ersten Weltgebieter,

Zum edelsten; und jetzt, nicht feige sterb' ich,

Noch ehrlos, neige meinen Helm dem Landsmann,

Ein Römer, männlich nur besiegt vom Römer.

Jetzt nun entflieht mein Geist, das Wort erstirbt.


Er stirbt.


CLEOPATRA.

O edelster der Männer! willst du scheiden?

So sorgst du nicht um mich? Aushalten soll ich

In dieser schalen Welt, die ohne dich

Nicht mehr ist als ein Viehstall? Seht, ihr Frau'n,

Die Krone schmilzt der Erde! O mein Herr!

Oh, hingewelkt ist aller Siegeslorbeer,

Gestürzt des Kriegers Banner: Dirn' und Knabe

Stehn jetzt den Männern gleich: kein Abstand mehr,

Nichts Achtungswertes bietet mehr sich dar

Unter dem späh'nden Mond.


Sie fällt in Ohnmacht.


CHARMION.

O Fassung, Fürstin!

IRAS.

Sie stirbt auch, unsre Königin!

[CHARMION.

Herrin!

IRAS.

Fürstin!]

CHARMION.

O Fürstin, Fürstin, Fürstin! –

IRAS.

Ägyptens Krone, unsre Herrscherin!

CHARMION.

Still, Iras, still!

CLEOPATRA.

Nichts mehr, als jeglich Weib, und untertan

So armem Schmerz, als jede Magd, die melkt

Und niedern Hausdienst tut. Nun könnt' ich gleich

Mein Szepter auf die neid'schen Götter schleudern,

Und rufen, diese Welt glich' ihrer ganz,

Bis sie gestohlen unsern Diamant!

Nichtsnutzig alles jetzt!

Geduld ist läppisch, Ungeduld ziemt nur

Den tollgewordnen Hunden! Ist's denn Sünde,

Zu stürmen ins geheime Haus des Todes,

Eh' Tod zu uns sich wagt? Was macht ihr, Mädchen?

Was, was? getrost! Wie geht dir's, Charmion?

Ihr edlen Dirnen! Ach! – Seht, Weiber, seht,

Unsre Leucht' erlosch, ist aus! Seid herzhaft, Kinder:

Begraben woll'n wir ihn; was groß, was edel,

Vollziehn wir dann nach hoher Römer Art.

Stolz sei der Tod, uns zu empfangen! Kommt,

Dies Haus des Riesengeistes ist nun kalt!

Ach Mädchen, Mädchen, kommt! In dieser Not

Blieb uns kein Freund, als Mut und schneller Tod.


Geht ab. Antonius' Leiche wird oben weggetragen.


Der Inhalt ist gemeinfrei und wurde übernommen von der Webseite http://www.zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

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